Psychopharmakotherapie, Operationalisierung

 

[engl. psychopharmacotherapy, operationalization], [PHA], das amerik. RDoC-System verfolgt das Ziel, psychische Störungen auf der Basis von Verhaltensdimensionen und neurobiol. Parametern – unabh. von akt. Klassifikationssystemen (Klassifikation psychischer Störungen) – mit den Methoden von moderner Genetik, Neurobiologie und Verhaltens­wiss. zu charakterisieren [www.nimh.nih.gov/research-priorities/rdoc/index.shtml]. Das RDoC-System wurde mit folg. Zielvorstellungen entwickelt: (1) Berücksichtigung von Erkenntnissen zur Pathophysiologie psych. Störungen in deren Klassifikation, um daran zukünftig die Therapie zu orientieren; (2) Identifikation neuer (molekularer) Targets für die Therapieentwicklung; (3) Identifikation von Pat.-Subgruppen für die Anwendung individualisierter Therapiestrategien; (4) Klin. Entscheidungsbildung auf der Basis von Forschungsergebnissen (Evidenzbasierung).

Das RDoC-System basiert auf drei grundlegenden Annahmen: (1) Psych. Störungen sind Erkrankungen des Gehirns. Während neurologische Erkrankungen auf einer identifizierbaren Läsion beruhen, werden psych. Störungen als Ausdruck gestörter Funktion interagierender Hirnsysteme verstanden. (2) Diese Dysfunktionen können mit den Methoden der modernen Neurowiss. identifiziert und charakterisiert werden. (3). Die Ergebnisse dieser Methoden führen zur Identifizierung von biol. Signaturen, die sich klin. Symptomen zuordnen lassen und folglich das Management von Pat. mit psych. Störungen verbessern.

Das System besteht aus einer Matrix, in der die Zeilen spezif. funktionelle Konstrukte repräsentieren. Diese Konstrukte (und Sub-Konstrukte) repräsentieren wiederum Verhaltensdimensionen, die in fünf Domänen zus.gefasst werden. Folgende fünf große Domänen werden gegenwärtig unterschieden: (1) Systeme für neg. Valenz (Systeme, die primär für die Reaktion auf aversive Reize oder Kontexte verantwortlich sind); (2) Systeme für pos. Valenz (Systeme, die primär für die Reaktion auf belohnende Reize oder Kontexte verantwortlich sind); (3) Kognitive Systeme (Systeme für versch. kognitive Prozesse); (4) Systeme für soziale Prozesse (Systeme für die Vermittlung von Reaktionen auf interpersonelle Situationen); (5) Arousal- und regulatorische Systeme (Systeme, die zur Aktivierung neuraler Systeme in Abhängigkeit vom Kontext führen, und die solche Systeme homöostatisch regulieren).

Das RDoC stellt die Grundannahme, dass best., gemeinsam zu beobachtende Symptommuster eine abgrenzbare Krankheitsentität bilden, der gegenwärtigen Systeme zur Klassifikation psychischer Störungen (z. B. DSM, ICD) infrage. Vor allem die akademische Psychiatrie kritisiert an diesen Grundannahmen, dass diese erstens moderne Erkenntnisse aus Neurobiologie und Genetik nicht berücksichtige, zweitens daraus kein Therapieansprechen prädiziert werden könne, und drittens ein solches deskriptives System keine Entsprechung in gestörten fundamentalen Hirnfunktionen finde (Insel et al., 2010). Dies habe zu einem Stillstand in der Entwicklung neuer Therapien geführt (Arzneimittelentwicklung). Es ist naheliegend, dass die Entwicklung z. B. neuer Antidepressiva für die Behandlung depressiver Störungen scheitern muss, wenn letztere eine Gruppe von Störungen ist, die durch eine sehr heterogene Genetik und Neurobiologie (Depression, Neurobiologie der) gekennzeichnet ist. Ein neues Pharmakon wird zur Behandlung einer Störung nur dann hilfreich sein, wenn es in ein System eingreift, dessen Funktion i. R. dieser Störung beeinträchtigt ist. Daher diskutiert man schon lange darüber, die traditionellen kategorialen durch dimensionale Klassifikationssysteme (Diagnostik, dimensionale; Diagnostik, kategoriale) zu ersetzen. Freyhan hatte schon 1955 vorgeschlagen, die Therapie nicht an Krankheitsentitäten, sondern an Zielsymptomen [engl. target symptoms] zu orientieren (Freyhan, 1955).

Obwohl heute Konsens ist, dass ein profundes Verständnis von Neuroanatomie, -physiologie und -biochemie die Grundlage jeder rationalen Psychopharmakotherapie ist, ist die klin. Praxis noch sehr weit von einer Psychopharmakotherapie, die sich an solchen Domänen und Konstrukten bzw. deren Störungen orientiert, entfernt. Die völlige Abwendung von unseren klassischen Diagnosen ist auch nicht unumstritten, stellt sie doch die Basis für das seit mehr als 100 Jahren gewachsene Selbstverständnis der Psychiatrie dar. Es wird befürchtet, dass im Zuge einer «Biologisierung» psych. Störung ein tiefes Verständnis der Psychopathologie immer mehr an Bedeutung verlieren wird.

Verwendete Literatur

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