Psychophysiologie

 

(= P.) [engl. psychophysiology; gr. ψυχή (psyche) Seele, φύσις (physis) Natur, λόγος (logos) Lehre], [AO, BIO, DIA, EM, KLI, PER], befasst sich mit den Beziehungen zw. psych. Vorgängen und den zugrunde liegenden körperlichen Prozessen. Sie beschreibt, wie Bewusstseinsänderungen (Bewusstsein), Emotionen, kogn. Leistungen (Kognition), Überforderung (Stress) und andere Aktivierungsprozesse mit zentralnervösen Funktionen, Kreislauf, Atmung, Motorik, Hormonausschüttung (Hormone) u. a. biochemischen Parametern zus.hängen. Seit es in der zweiten Hälfte des 19. Jhd. möglich wurde, den Puls (Herzfrequenz), die Atmung, die elektrodermale Aktivität (elektrischer Hautwiderstand), später auch den Blutdruck, die elektrische Herzaktivität (Elektrokardiogramm, EKG) und Hirnaktivität (Elektroenzefalogramm, EEG) während einer Reaktionsaufgabe oder einer Gefühlsreaktion aufzuzeichnen, gilt die Polygrafie physiol. Veränderungen als typisch für diese Forschungsrichtung. Der Begriff P. wurde im Jahr 1822 von dem dt. Psychiater Christian Friedrich Nasse ungefähr im heutigen Sinn geprägt. Hans Berger, der Entdecker des EEG, betonte 1921 in seiner Psychophysiologie, dass es auf die Gleichberechtigung psychol. und physiologischer Methoden ankäme.

Dagegen war in der vorwiegend tierexp. arbeitenden physiologischen Psychologie und in der Neuropsychologie häufig eine reduktionistische Orientierung zu erkennen, d. h. Wahrnehmung, Emotion, Lernen usw. werden auf die Tätigkeit best. Hirnstrukturen zurückgeführt und neurophysiol. erklärt. Demgegenüber wurde in der psychoanalytisch beeinflussten Psychosomatik oft von psych. (psychogenen) Ursachen körperlicher Krankheiten gesprochen. Die Begriffsgeschichte dieser Biologischen Ps. im Grenzgebiet versch. Disziplinen spiegelt die Auseinandersetzung wider, die im 19. Jhd. zw. Psychikern und Somatikern in der Ps. und Psychiatrie geführt wurde und bis in die Gegenwart reicht. Es gibt versch. phil. Auffassungen, ob Bewusstsein und Hirntätigkeit wechselseitig aufeinander einwirken können, ob es sich nur um zwei Seiten desselben psychophysischen Prozesses handelt oder ob es zwei kategorial versch., aber einander ergänzende, komplementäre Beschreibungen von Hirnfunktionen sind (Leib-Seele-Problem). Diese versch. Perspektiven können die theoretischen Ansätze der Wissenschaftler und die Auswahl der Methoden beeinflussen.

Das Gebiet der P. lässt sich nach den psychol. Fragestellungen, z. B. in P. der Emotionen, Kognitive P., Klinische P., nach hauptsächlichen physiol. Funktionssystemen, z. B. kardiovaskuläre, respiratorische, endokrine, kortikale P., oder nach den Anwendungsfeldern gliedern (Rösler, 1998, 2001; Schandry, 2016). Gelegentlich wurde zw. der auf das EEG gestützten kortikalen P. und der peripher-physiol. P. unterschieden. Doch wenn die Funktionen der vegetativen, endokrinen und motorischen Effektorgane gemessen werden, interessieren diese Daten i. d. R. nur als Indikatoren zentraler Steuerungen. Deshalb müssen die lokalen, störenden Einflüsse kontrolliert oder stat. separiert werden, z. B. die Trennung der bewegungsbedingten (metabolischen) von den emot. bedingten Varianzanteilen der Herzfrequenz oder die Eliminierung von «Augen-Artefakten» im EEG. Auf vielen Forschungsgebieten ist heute eine zus.wachsende Neuro-P. mit überlappenden theoretischen Konzepten und einander ergänzenden Methoden zu erkennen, die zus. mit der Psycho-Neuroendokrinologie und Psychoneuroimmunologie auch als ein Teil der Neurowiss. zu sehen sind.

Emotionen, Beanspruchung, Erholung und Schlaf, Informationsverarbeitung bei sensorischer Stimulation und bei kogn. Leistungen, das motivierte Verhalten oder soziale Zuwendung, sowie viele andere organismische Zustände und Zustandsänderungen können auf drei Ebenen, jew. in mehreren Funktionssystemen beschrieben werden: (1) als Prozesse des Bewusstseins, Erlebens und körperlichen Befindens, die der Selbstbeobachtung (Introspektion, Interozeption) zugänglich und sprachlich mitteilbar sind, (2) als Verhaltensmuster, die in Tätigkeiten, Bewegungen und mimischem Ausdruck obj. beobachtet werden, und (3) als physiol. Veränderungen, die in vielen, wechselseitig aufeinander einwirkenden Funktionssystemen zu messen sind. Im unmittelbaren Erleben, z. B. in einem starken Ärger über ein Ereignis oder in Zuständen der Angst, scheinen diese Aspekte eine Einheit zu bilden.

Aktivierung (Aktivation, Arousal) und indiv. Unterschiede der Reaktivität sind zwei zentrale Begriffe der P. In multivariaten psychophysiol. Untersuchungen, die zahlreiche psychol. Variablen und bis zu 20 kontinuierlich gemessene Biosignale umfassen, kann bei Zunahme der subj. Wachheit und Anspannung ein typisches vegetatives, neuromuskuläres, kortikales und endokrines Aktivierungsprofil festgestellt werden (Alarm- und Bereitstellungsreaktion). Diese Aktivierungsprozesse lassen große indiv. Unterschiede erkennen, und das ältere Konzept einer einheitlichen Intensitätsdimension der psychophysischen Aktivierung wurde durch die Beschreibung von Mustern (Unterschieden zw. oder innerhalb Personen bzw. Unterschieden zw. Bedingungen) abgelöst. Die Reaktionsmuster sind bedingt: (1) situationsabhängig von den aktuellen Anforderungen bzw. Motiven (den biobehavioralen Funktionszielen); (2) personenabhängig von Dispositionen und körperlicher Konstitution, d. h. individualspezifisch von der untersuchten Person; (3) kontextabhängig von den bes. Rahmenbedingungen der Untersuchung; (4) motivationsabhängig von Compliance und Interaktionsstil (Vp-Verhalten); (5) symptomabhängig von einer gegebenen somatischen Funktionsstörung.

In Laboruntersuchungen ergaben sich i. d. R. keine oder nur geringfügige, inter- und intraindiv. Korrelationen zw. den subj. Einstufungen von Anspannung, Beanspruchung (Stress) und den physiol. und den behavioralen Aktivierungsvariablen. Dieser Sachverhalt wird als Kovariationsproblem bzw. als Reaktionsfraktionierung (responsefractionation) bezeichnet. Demnach ist z. B. ein deutliches Angstgefühl nicht regelmäßig von einer messbaren vegetativ-endokrinen Angstphysiologie oder von einem entspr. Angstverhalten (Vermeidung) begleitet. Die geringe oder insignifikante Koppelung der versch. Reaktionssysteme eines Aktivierungsprozesses wurde in der psychophysiol. Angstforschung ausführlich diskutiert, ohne dass jedoch bisher ein Standard entwickelt werden konnte, wie in der Praxis, bspw. bei psychophysiol. auffälligen Angststörungen (Panikattacken), mit den Diskrepanzen und Desynchronien umzugehen ist (Fahrenberg & Wilhelm, 2009).

Die psychophysiol. Emotionsforschung versuchte, physiol. Unterschiede zw. basalen Emotionen (Affekten) nachzuweisen. Im Erleben von Gefühlen und auch in der Mimik sind solche Muster deutlich, doch blieben die physiol. Untersuchungsergebnisse unbefriedigend. Nach Stemmlers (1998, 2004) Untersuchungen und Metaanalysen existieren am ehesten Hinweise auf somatoviszerale Differenzierungen bei Ärger- und Angst-Reaktionen. Auch die psychophysiol. Interozeptionsforschung führte zu Differenzierungen. Die Wahrnehmung von körperlichen Vorgängen (Interozeption), d. h. von normalen Funktionsänderungen und symptomatischen Funktionsstörungen, ist nur in sehr eingeschränkter Weise oder überhaupt nicht möglich. Nur wenige Personen können ihren Herzschlag oder Blutdruckanstieg zuverlässig erkennen. Körperwahrnehmungen sind von situativen Faktoren, Ursachenzuschreibungen und Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst und bei Pat. deshalb nur im Zusammenhang mit dem Krankheitsverhalten zu interpretieren. Zwischen subj. Beschwerden und dem Ausmaß der obj. Befunde bestehen, insbes. bei chronisch Kranken, kaum Zusammenhänge (Myrtek 1998, 2004). Die psychophysiol. Persönlichkeitsforschung (Persönlichkeit) befasst sich mit den physiol. Grundlagen best. Persönlichkeitseigenschaften und aktueller, motivationaler und sozialer Verhaltenstendenzen (Henning & Netter, 2005), bspw. mit den Aspekten emot. und vegetativer Labilität in der von Eysenck postulierten Persönlichkeitsdimension Emotionalität.

Ein hervorragendes Anwendungsgebiet ist die psychophysiol. Diagnostik von mentaler und emot. Beanspruchung sowie Überforderung und Stress am Arbeitsplatz, um Arbeitsabläufe, Pausenregelung, Arbeitsgestaltung usw. verbessern zu können. Chronische Überforderung wird als Mitursache einiger Krankheiten, u. a. des Bluthochdrucks, angesehen und kann einen neg. Einfluss auf viele andere Krankheiten haben (Burn-out). Von großer praktischer Bedeutung ist das ambulante psychophysiol. Monitoring (Monitoring, ambulantes), d. h., die regelmäßige Überwachung von Körperfunktionen und Symptomen im Alltag. Im therap. Bereich haben sich psychophysiol. orientierte Entspannungsverfahren bewährt, bei denen diese Übungen z. B. durch Rückmeldung der Atmung oder Muskelspannung (EMG-Aktivität) unspezifisch unterstützt werden. Dagegen hat sich die exp. Methodik des Biofeedback, d. h. die visuelle oder akustische Rückmeldung von Messwerten der gestörten Funktion, um die Symptomreduktion, z. B. die Blutdrucksenkung, spezif. zu «lernen», empirisch weniger bewährt, als ursprünglich erwartet wurde. Der Einsatz psychophysiol. Methoden, um die Wirkung von Werbematerial zu prüfen oder um unwahre Aussagen zu erkennen (Lügendetektion), gehört zu den problematischen und umstrittenen Anwendungen. psychophysiologische Methodik.

Referenzen und vertiefende Literatur

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