Psychotherapie

 

(= P.) [engl. psychotherapy; gr. ψυχή (psyche) Seele, θεραπεύειν (therapeuein) heilen, dienen], [KLI], bez. allg. die gezielte, professionelle Behandlung psychischer Störungen und/oder psych. bedingter körperlicher Störungen mit psychol. Mitteln. Konkrete psychotherap. Verfahren, Methoden und Konzepte sind insbes. durch P.schulen geprägt, die bspw. behaviorale (klassische Verhaltenstherapie), kognitiv-behaviorale (Kognitive Verhaltenstherapie, Schematherapie, Kognitive Therapie nach Beck, Metakognitive Therapie, Interpersonelle Therapie), analytische (z. B. Psychoanalyse, Analytische Psychologie, Individualpsychologie), tiefenpsychol. (z. B. Tiefenpsychologisch fundierte Therapie, Katathym-imaginative Psychotherapie), humanistische (z. B. Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Psychodrama, Transaktionsanalyse), systemische (Systemische Therapie, Systemorientierte Psychotherapie) oder körperorientierte (bewegungs- und körperorientierte Therapien) Theoriemodelle psych. Störungen bzw. der Beinflussbarkeit gestörten Erlebens und Verhaltens in den Mittelpunkt stellen. Zudem hat die Organisationsform als Einzeltherapie, Gruppentherapie, Familientherapie, Paartherapie oder auch als Internet-Intervention sowie die Versorgung in ambulanten oder stationären Settings Einfluss auf die Konzeption psychotherap. Behandlungen.

Eine integrative Def., die für alle P.ansätze Gültigkeit beanspruchen kann, stammt von Strotzka (1975, 4): «P. ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zw. Pat., Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychol. Mitteln (durch Kommunikation), meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und des pathologischen Verhaltens. I. d. R. ist dazu eine tragfähige emot. Bindung notwendig». Im Methodenpapier des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (2010; 4−5) nach §11 PsychThG werden die Begriffe P.-verfahren, P.methode und psychotherap. Technik unterschieden: «Ein zur Krankenbehandlung geeignetes P.-verfahren ist gekennzeichnet durch eine umfassende Theorie der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten und ihrer Behandlung bzw. versch. Theorien der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten und ihrer Behandlung auf der Basis gemeinsamer theoretischer Grundannahmen, und eine darauf bezogene psychotherap. Behandlungsstrategie für ein breites Spektrum von Anwendungsbereichen oder mehrere darauf bezogene psychotherap. Behandlungsmethoden für ein breites Spektrum von Anwendungsbereichen, und darauf bezogene Konzepte zur Indikationsstellung, zur indiv. Behandlungsplanung und zur Gestaltung der therap. Beziehung. ... Eine zur Behandlung einer oder mehrerer Störungen mit Krankheitswert geeignete P.methode ist gekennzeichnet durch eine Theorie der Entstehung und der Aufrechterhaltung dieser Störung bzw. Störungen und eine Theorie ihrer Behandlung, Indikationskriterien einschließlich deren diagn. Erfassung, die Beschreibung der Vorgehensweise und die Beschreibung der angestrebten Behandlungseffekte. ... Eine psychotherap. Technik ist eine konkrete Vorgehensweise, mit deren Hilfe die angestrebten Ziele i. R. der Anwendung von psychotherap. Methoden und Verfahren erreicht werden sollen, z. B. im Bereich des psychodynamischen Verfahrens: die Übertragungsdeutung zur Bewusstmachung aktualisierter unbewusster Beziehungsmuster, oder in der Verhaltenstherapie: Reizkonfrontation in vivo».

Strukturmodelle und Wirkfaktoren: Gemäß des Common component model von Frank (1971) kommt allg. Wirkfaktoren eine wesentliche Bedeutung zu, die sich unabhängig von der spezif. Art der P. günstig auswirken: Emotionale vertrauensvolle Beziehung, Vermittlung oder Erarbeitung eines Erklärungsmodells der psych. Störung, bewältigungsunterstützende Problemanalyse, Vermittlung von Hoffnung, Erfolgserlebnisse, die Sicherheit und Kompetenz fördern, und Förderung emot. Erlebens als Basis für Veränderungen von Einstellungen und Verhalten. Orlinsky & Howard (1986) haben ein Allgemeines Modell der P. [engl. general model of psychotherapy] vorgeschlagen (s. Abb.). Es verdeutlicht insbes. die Komplexität des Zusammenwirkens der Merkmale von Therapeut und Klient, des therap. Interaktionsprozesses sowie von situativen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Es werden sechs zentrale Therapiefaktoren definiert: Formaler Aspekt (Therapievertrag [engl. therapeutic contract]; Behandlungsvertrag): P. muss indiziert sein und formale Bedingungen der Durchführung müssen geklärt sein; Technischer Aspekt (Therap. Maßnahmen [engl. therapeutic operations]): Auf diagn. Basis müssen ein Behandlungsmodell und eine Störungstheorie entwickelt sowie ein Interventionsplan erstellt werden; Interpersoneller Aspekt (Therapiebeziehung [engl. therapeutic bond]): Schaffung einer therap. Allianz und Klärung der Rollen im Interaktionsprozess; Intrapersonaler Aspekt (innere Selbstbezogenheit [engl. self-relatedness]): Sichtweise des Klienten und des Therapeuten auf sich selbst. Z. B. psychoanalytisch: Abwehrmechanismen des Ich, verhaltenstherapeutisch: Selbstkontrolle, gesprächspsychotherap.: Inkongruenz; Klinischer Aspekt (unmittelbare Effekte der Sitzung [engl. in-session impacts]): Unmittelbare Änderungen des Erlebens und Verhaltens durch die Therapiesitzung; Sequenzieller Aspekt (Prozessverlauf [engl. temporal patterns]): Charakteristika, die in unterschiedlichen Phasen des Therapieprozesses bedeutsam sind (z. B. Kontaktaufnahme, Trennung).

Grawe (1995) hat u. a. auf der Basis umfangreicher empir. Befunde und mit dem Ziel einer breiten Integration psychoth. Verfahren die Entwicklung einer Allgemeinen Psychotherapie angestrebt (Konsistenztheorie des psychischen Geschehens). Dieses postuliert vier zentrale Wirkfaktoren der P.: (1) Ressourcenaktivierung: Fokussierung von pos. Möglichkeiten, Fähigkeiten, Interessen und Motivationen des Klienten (Ressourcenorientierung); (2) Problemaktualisierung: Schaffung eines direkteren Zugangs zu den Problemen, indem diese durch bewusste Thematisierung oder Konfrontation gezielt erfahrbar gemacht werden. (3) Aktive Hilfe zur Problembewältigung: Förderung von Kompetenzen, die die Bewältigung (Coping) und den Umgang mit störungsrelevanten Aspekten ermöglichen. (4) Motivationale Klärung: Klärung der Ziele und Werte, die das Verhalten des Klienten motivieren.

Anerkennung von P.verfahren: Die moderne P.forschung orientiert sich vor allem an Wirksamkeitsnachweisen (Evidenzbasierung) und nachweisbaren Wirkfaktoren von P. (Grawe, 1998). Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (2010; 6−7) formuliert im Methodenpapier vier Kriterien die die Anerkennbarkeit einer p. Behandlung bedingen: «Kriterium 1: Der Einsatz der Intervention erfolgt bei Personen, die unter einer Störung mit Krankheitswert leiden, und der beobachtete therap. Effekt stellt eine Heilung oder Linderung dieser Störung dar. ... Kriterium 2: Der beobachtete therap. Effekt ist inter-subj. feststellbar und replizierbar. ... Kriterium 3: Der erzielte Effekt muss mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die psychoth. Intervention zurückführbar sein (interne Validität). ... Kriterium 4: Die untersuchte psychoth. Intervention ist in der Praxis unter den Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens effektiv durchführbar (externe Validität).» Die Wirksamkeit von P. und ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis gelten generell als gut belegt, Übergreifend zeigen sich in kontrollierten Studien Effektstärken von Cohens d ungefähr gleich 1,2, wobei sich unterschiedliche Therapieansätze Effektstärkenunterschiede von ca. 0,4 ergeben. Obwohl das Ziel der P.forschung allg. eher darstellt, die spezif. Wirksamkeit einzelner Methoden und Techniken bei spezif. Störungsbildern differenziert zu identifizieren, orientiert sich die Anerkennung insbes. durch Krankenkassen an psychotherap. Schulen. Abrechnungsfähig sind in Dt. die vom Wissenschaftlichen Beirat P. anerkannten Richtlinienverfahren(Kognitive) Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Tiefenpsychologisch orientierte P. Zusätzlich anerkannt, jedoch nicht sozialrechtlich abrechnungsfähig sind die Gesprächsp. und die Systemische Therapie (Frühjahr 2015). PsychotherapeutengesetzPsychotherapie, ökonomische Aspekte.

Verwendete Literatur

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