Pubertät

 

(= P.) [engl. puberty, adolescence; lat. pubertas Geschlechtsreife], [BIO, EW], ist ein universelles Merkmal und ein Meilenstein der Adoleszenz. P. beschreibt die umfassende Umgestaltung biol. und physischer Funktionen des Menschen mit dem Ziel der körperlichen bzw. sexuellen Geschlechtsreife. In der P. sind funktionelle und morphologische Veränderungen in Motorik und versch. Organsystemen (wie Atmung, Stoffwechsel, Herz) zu beobachten, und Körperproportionen und -behaarung verändern sich in geschlechtstypischer Weise. Zusätzlich laufen umfassende strukturelle (z. B. Verlust von Synapsen (Synapse), fortschreitende Myelinisierung) und funktionale Veränderungen (z. B. veränderte Funktion hemmender und erregender neuronaler Systeme (Neuron)) im Gehirn ab, die nicht nur für fortgeschrittene Denkprozesse (Denken) relevant sind, sondern jugendtypisches – z. B. risikoreiches – Verhalten erklären können (Adoleszenz, Risikoverhalten). Für Mädchen betreffen weitere Veränderungen in der P. die Schambehaarung (9–13 Jahre), das Längenwachstum (10–14 Jahre) und die erste Regelblutung (Menarche, 10–14 Jahre). Bei Jungen sind Hodenwachstum (9–14 Jahre), Schambehaarung (10–15 Jahre), Vergrößerung des Penis (11–16 Jahre), Stimmbruch und der erste Samenerguss (Spermarche) zu beobachten. Der Stand der körperlichen Entwicklung (Pubertätsstatus) wird meist basierend auf der Ausreifung der sekundären Geschlechtsmerkmale mittels sog. Tanner-Stadien eingeschätzt. Fortschreitender Pubertätsstatus geht mit einer Reihe psychol. (z. B. Unzufriedenheit bei Mädchen, höherer Selbstwert (Selbstwertgefühl) bei Jungen) und sozialer Folgen (z. B. Abgrenzung von den Eltern, größerer Einfluss der Peers (Peergroup)) einher. Sowohl die Abfolge als auch der Zeitpunkt und das Tempo der körperlichen Veränderungen in der P. variieren stark. Interindiv. Unterschiede im Zeitpunkt der hormonellen Veränderungen (nicht klin. auffällige wie pubertas praecox, pubertastarda; Retardation) werden durch genetische Faktoren beeinflusst: KiSS1, KiSS1R (Pubertätsgene) steuern den Ablauf des genetischen Programms zur körperlichen Reife und werden durch einen epigenetischen silencing-Mechanismus koordiniert. Dazu spielt der Anteil des Körperfetts (höherer Body-Mass-Index korreliert bei Mädchen mit früher, bei Jungen mit später Reife in der P.), Ernährung und Sport eine Rolle. Weitere Einflussfaktoren sind alterstypische neuronale Veränderungen in den beteiligten Hirnstrukturen und psychosoziale Faktoren (z. B. Konflikte oder kritische Lebensereignisse (Life-Event, kritisches) sowie deren biol. Korrelate wie Kortisol infolge von Stress). Allg. ergab sich über die letzten 150 Jahre ein Wandel hin zu immer früherer Reife in der P. (säkularer Trend). Gründe hierfür liegen in der Verbesserung von Ernährung (Ernährung, gesundheitsförderliche), Gesundheitsvorsorge (Vorsorgeverhalten) und sanitären Bedingungen in der Kindheit. Kontrovers wird heute diskutiert, ob diese Tendenzen in den letzten Dekaden (verbunden mit dem Trend zu größerem Körpergewicht in Kindheit und Jugend) weiter anhalten – die Mehrheit der Befunde deutet jedoch auf eine Stagnation der Vorverlagerung im Zeitpunkt der P. hin. Unterschiede im Zeitpunkt und Tempo der pubertären Reife sind mit psychosozialen und gesundheitlichen Konsequenzen bis ins Erwachsenenalter verbunden (z. B. Depression, früher und hoher Substanzkonsum (Substanzmissbrauch), frühe sexuelle Beziehung und Elternschaft bei früh Reifenden). Ursächlich dafür sind soziale Reaktionen (z. B. Hänseln) und deren indiv. Wahrnehmung, Über- oder Unterforderung in interpersonalen Beziehungen sowie zentralnervöse und hormonelle Prozesse (Nervensystem, Hormone). Bei Jugendlichen, die neg. Kontexteinflüssen während der P. ausgesetzt und für diese empfindlich sind (z. B. auf physiol. Ebene stark auf Stress reagieren), und bei jenen, die schon in der Kindheit psychosoziale Probleme zeigen, fallen die Konsequenzen früher vs. später Reife in der P. neg. aus. Solche Personengruppen sollten i. R. von Präventionsbemühungen bes. Berücksichtigung finden.

Verwendete Literatur

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