qualitative (Leitfaden-)Interviews

 

[engl. qualitative interviews, guideline-based; lat. inter- zw., videre sehen], [FSE], vor dem Hintergrund der wesentlichen Grundprinzipien Qualitativer Sozialforschung bzw. rekonstruktiver Sozialforschung wird deutlich, dass sich qualitative (Leitfaden-)Interviews grundsätzlich von standardisierten Befragungen unterscheiden (Helfferich, 2009, Kruse, 2013). Das Hauptmerkmal der qualitativen (Leitfaden-)Interviews ist es, den Befragten so viel offenen Raum wie möglich zu geben, damit diese so weit wie möglich ohne fremdgesteuerte Strukturierungsleistungen und theoretische Vorannahmen, die von außen an sie herangetragen werden, ihre subj. Relevanzsysteme, Deutungen und Sichtweisen verbalisieren können (Bohnsack, 2021). Das Prinzip der Offenheit und das Prinzip der Kommunikation erfordern eine Interview- bzw. Gesprächsführung, die nicht direktiv, also nicht steuernd und nicht strukturierend ist. Die konkreten Fragen und Stimuli innerhalb offener qualitativer (Leitfaden-)Interviews müssen damit weitestgehend hörerorientiert und erzählgenerierend sein, um den Befragten weitestgehend das monologische Rederecht zu überlassen, damit sie so viel wie möglich von sich aus und auch authentisch explizieren können. Ein solcher Ansatz wird am deutlichsten in der Form des Narrativen Interviews. In der Forschungspraxis haben sich aber verschiedenste leitfadengestützte qualitative (Leitfaden-)Interviewformen weitestgehend durchgesetzt. Der Begriff qualitative (Leitfaden-)Interviews ist somit selbst wiederum ein Oberbegriff für eine best. Art und Weise der qualitativen (Leitfaden-)Interviewführung: Die Kommunikation in einem Leitfadeninterview wird mittels eines Interviewleitfadens strukturiert, sodass der Interviewverlauf einem best. vorgegebenen Themenweg bzw. einer best. Phasendynamik folgt. Leitfadeninterview können dabei ein unterschiedlich starkes Strukturierungsniveau aufweisen: Einerseits können die Interviewleitfäden das Interview nur sehr wenig strukturieren, sodass die Befragten den Gesprächsfluss selbst steuern können; dem Interviewleitfaden kommt dann die Funktion zu, dass lediglich darauf geachtet wird, dass best. Themen im Interview behandelt werden, die anhand von wenigen, teilweise auch vage-offenen (vor-)formulierten Fragen bzw. Stimuli angesprochen werden. Wie, wann und auf welche Weise die Befragten diese thematischen, forschungsgegenständlichen Interessen behandeln, obliegt ihnen allein (Helfferich, 2009). Andererseits können Interviews differenzierter ausgearbeitet sein, eine Vielzahl an unterschiedlichen, dezidierten Fragen bzw. Stimuli umfassen, die den Befragten gestellt werden, worauf diese offen antworten sollen bzw. worauf diese noch so offen wie möglich antworten können sollten. Ein solcher Interviewleitfaden steuert das Interview also sehr viel stärker. Jedoch muss weiterhin darauf geachtet werden, dass die vorformulierten Fragen bzw. Stimuli offen, erzählgenerierend – bzw. allg. gesprochen: explikationsförderlich – und hörerorientiert formuliert sind. Qualitative (Leitfaden-)Interviews scheinen sich damit per se in einem Spannungsfeld von Offenheit und Strukturierung zu befinden.

Referenzen und vertiefende Literatur

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