Qualitative Sozialforschung

 

(= QSF.) [engl. qualitative social research; lat. qualis welcher Art/Beschaffenheit], [FSE], ist der paradigmatische Oberbegriff für versch. empir. Methoden, die in nicht standardisierter, quantifizierender Weise die Komplexität sozialer Wirklichkeit und deren sinnhafte Art und Weise der Konstruktion erforschen (Sozialkonstruktivismus), um sie umfassend verstehend erklären zu können. Hierzu gehören insbes.: (1) qualitative (Leitfaden-)Interviews, (2) teilnehmende Beobachtung, (3) ethnografische Feldforschung (Ethnografie, Ethnomethodologie), (4) die qual. Erforschung von Materialitäten (z. B. Architekturen, Artefakte) sowie (5) versch. Formen der Dokumenten- und Diskursanalyse.

Das disziplinäre, forschungsprogrammatische und meth. Feld der QSF hat sich enorm ausdifferenziert, sodass sich die Frage stellt, wie das Grundverständnis dieses Paradigmas umrissen werden kann. Ernst von Kardorff (1995, 4) hat hierzu sehr treffend, aber außerordentlich verdichtet formuliert: «Der kleinste gemeinsame Nenner der qual. Forschungstraditionen lässt sich vielleicht wie folgt bestimmen: Qualitative Forschung hat ihren Ausgangspunkt im Versuch eines vorrangig deutenden und sinnverstehenden Zugangs zu der interaktiv ‹hergestellt› und in sprachlichen wie nicht sprachlichen Symbolen repräsentiert gedachten sozialen Wirklichkeit. Sie bemüht sich dabei, ein möglichst detailliertes und vollst. Bild der zu erschließenden Wirklichkeitsausschnitte zu liefern. Dabei vermeidet sie so weit wie möglich, bereits durch rein meth. Vorentscheidungen den Bereich möglicher Erfahrung einzuschränken oder rationalistisch zu ‹halbieren›. Die bewusste Wahrnehmung und Einbeziehung des Forschers und der Kommunikation mit den ‹Beforschten› als konstitutives Element des Erkenntnisprozesses ist eine zusätzliche, allen qual. Ansätzen gemeinsame Eigenschaft: Die Interaktion des Forschers mit seinen ‹Gegenständen› wird systematisch als Moment der ‹Herstellung› des ‹Gegenstandes› selbst reflektiert.»

Diese Def. macht eine begriffliche Differenzierung von qual. Forschung i. w. S. und rekonstruktiver Forschung (= R.) i. e. S. in der Forschungspraxis sinnvoll (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2008), die wie folgt umrissen werden kann: Alle Forschenden, die rekonstruktiv arbeiten, nutzen qual. Methoden (Qualitative Forschungsmethoden). Aber nicht alle Forschenden, die qual. Methoden nutzen, forschen rekonstruktiv. R. basiert zwingend auf einem Set an rekonstruktionslogischen Basisannahmen über Wirklichkeit und Forschungspraxis (Fremdverstehen) und drückt sich insbes. in einer spezif. Haltung aus. Ralf Bohnsack (2010) hat dies mit Bezug auf die Wissenssoziologie sowie die Dokumentarische Methode von Karl Mannheim und die Ethnomethodologie von Harold Garfinkel prägnant als Paradigmenwechsel vom «Was» zum «Wie» bez.: Nicht die Wirklichkeit in substanzieller Hinsicht – das «Was» – steht im Vordergrund des forscherischen Erkenntnisinteresses, sondern seine praktische bzw. soziale Genese (Sozialphänomenologie, symbolischer Interaktionismus) und seine Funktion – das «Wie» und das «Wozu» –, welche die konkrete Existenz einer eigentlich kontingenten Wirklichkeit (Sozialkonstruktivismus) überhaupt erst zu klären vermögen. Grundprinzipien der qual. Forschung sind damit vor allem: (1) Prinzip der Offenheit, das sich insbes. aus dem Problem des Fremdverstehens (Fremdverstehen) und dem Problem der Indexikalität menschlicher Sprache und Kommunikation ergibt, (2) Prinzip der Kommunikation, (3) Prinzip der Reflexivität, (4) Prinzip der Prozessualität.

QSF. erhebt schließlich den Anspruch, in datenzentrierten, d. h. induktiven Erkenntnisprozessen gegenstandbegründete Theorien (Grounded Theory) zu generieren; es soll also nicht vorab determiniertes Wissen (Hypothesen) überprüft werden. Allerdings operiert QSF auch nicht theorielos; die angewendeten bzw. zu verfolgenden theoretischen Konzepte werden jedoch nur in einem heuristischen Sinne als sensitizing concepts verwendet. Gütekriterien qualitativer Forschungsprozesse, Interpretation, Qualitative Forschungsmethoden.

Referenzen und vertiefende Literatur

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