räumliches Sehen

 

(= r. S.) [engl. space perception], [WA], dreidimensionale visuelle Wahrnehmung (der engl. Begriff spatial vision hat eine andere Bedeutung). Das zentrale Problem des r. S. ist das Entstehen einer dreidimensionalen Wahrnehmung aus zweidimensionalen Netzhautbildern; traditionell werden dazu Hinweisreize für Tiefe (depth cues) beschrieben, Merkmale der Netzhautbilder, der Konvergenz und der Akkommodation, die von der Tiefe abhängen. Genauer handelt es sich um Merkmale des Proximalreizes, die auf der einen Seite von der Tiefe/Distanz des distalen Objekts abhängen und die auf der anderen Seite die anschauliche Tiefe/Distanz beeinflussen. Die Begriffe der Tiefe und Distanz (Entfernung) werden nicht immer klar unterschieden; wenn sie unterschieden werden, bezieht sich die Distanz auf den Beobachter (egozentrische Distanz), die Tiefe aber auf zwei distale Objekte (auch als relative Distanz bezeichnet). Die versch. Hinweisreize hängen z. T. von der Distanz und z. T. von der Tiefe ab.

Im Nahbereich ist das binokulare Tiefensehen dem monokularen überlegen; Ursache dafür ist die binokulare Parallaxe (Querdisparation), deren Einfluss auf das räumliche Sehen zu einem umfassenden Forschungsgebiet geworden ist (stereoskopisches Sehen: Wahrnehmung auf der Grundlage von Information, die nur binokular verfügbar ist). Das monokulare Tiefensehen kann durch Kopfbewegungen erheblich verbessert werden; Ursache dafür ist die Bewegungsparallaxe. Das bewegte Netzhautbild (Fließmuster) enthält eine Vielzahl weiterer Merkmale, die zu Tiefeneindrücken führen (Bewegungswahrnehmung, Stereokinese); die Analyse solcher Merkmale ist ein Gebiet der ökologischen Optik. Bei unbewegtem Netzhautbild tragen u. a. folg. Merkmale zum Tiefeneindruck bei: Perspektive, Unterschiede in der Textur von Oberflächen (Gibson-Gradienten), relative Größe (relativ kleinere Objekte erscheinen weiter entfernt), Verdeckungen (ein verdeckendes Objekt erscheint näher als ein verdecktes), Licht-Schatten-Verteilung (Kreise, die oben hell sind und unten dunkel, erscheinen als Ausbuchtungen, Kreise, die oben dunkel sind und unten hell, als Einbuchtungen; der Einfluss der Licht-Schatten-Verteilung auf die erlebte Tiefe impliziert eine Beleuchtung von oben), relative Höhe im Gesichtsfeld (höhere Objekte erscheinen weiter entfernt als niedrigere, sofern sie unterhalb des Horizonts liegen). Alle hier genannten Hinweisreize (oder Tiefeninformation) betreffen die Tiefe i. e. S., nicht die (egozentrische) Distanz; sie geben jedoch indirekt über die Distanz Aufschluss, wenn die Distanz zumindest eines Objekts in einer Tiefenstaffelung gegeben ist. visuelle Raumhinweise.

Verwendete Literatur

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