Reifung

 

(= R.) [engl. maturation], [BIO, EW], ist die durch die Erbanlagen, d. h. die genetisch (Genetik) gesteuerte Ausbildung psych., physiol. oder motorischer Strukturen (Kavšek, 2011). Prozesse der R. waren in älteren, biogenetisch orientierten psychol. Entwicklungstheorien populär, nach denen Entwicklung stufen- oder phasenförmig (Stufentheorien) oder auch in Form von Wachstumsprozessen, d. h. in Analogie zu physiol. Vorgängen, stattfindet. In neueren nativistischen Modellen wird angenommen, dass es ein angeborenes rudimentäres Kernwissen in unterschiedlichen Inhaltsbereichen, z. B. über physikal. Vorgänge, gibt. Alternativ wird postuliert, dass das menschliche Gehirn schon bei der Geburt von seiner Organisation her auf die Verarbeitung best. Arten von Informationen angelegt ist (Informationsverarbeitung). Der relative Beitrag von (endogenen) Anlage- und (exogenen) Umwelteinflüssen auf die Entwicklung von Funktionsbereichen wird insbes. mithilfe der Deprivationsmethode und populationsgenetischer Analysen untersucht (Anlage-Umwelt). Die Deprivationsmethode schaltet Umwelteinflüsse aus, um den Nettoeffekt von Reifungsvorgängen auf die Ausbildung einer Funktion festzustellen. Das Verfahren der populationsgenetischen Analyse beobachtet den Effekt von Anlageunterschieden unter Konstanthaltung von Umwelteinflüssen und umgekehrt. Ein Bsp. ist der systematische Vergleich von Personenpaaren unterschiedlichen Verwandtschaftsgrades, d. h. unterschiedlicher Anlageähnlichkeit, die entweder in getrennten oder in derselben Entwicklungsumwelt untergebracht waren (Zwillingsstudien). Das Paradebsp. eines Funktionsbereichs, der intensiv auf seine Reifungs- und Anlagebedingtheit untersucht worden ist, ist die Intelligenz. Das Problem bei den Methoden, den relativen Beitrag von R. und Umwelt auf die Entwicklung einer Funktion festzulegen, ist die prinzipielle Unmöglichkeit, im Humanversuch die Umweltvariable zu manipulieren.

Verwendete Literatur

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