Religionspsychologie

 

(= R.) [engl. psychology of religion], Teilgebiet der Ps., meist in Verbindung mit den Religionswissenschaften und der Theologie. Die R. erforscht das Erleben und Verhalten, das im Zusammenhang mit religiösen Phänomenen steht (z. B. Gottesvorstellung, Weltverständnis, Heilsbegriffe). Nachdem religionspsychol. bedeutsame Phänomene durch Philosophie und Theologie beschrieben und erklärt wurden, hat sich die empirisch orientierte Ps. Ende des 19. Jhd. mit diesen Phänomenen befasst. Die ersten systematischen R.-Analysen gehen auf Hall und das Jahr 1882 zurück. An der Clark University befasste sich Hall hauptsächlich mit der moralischen und religiösen Erziehung von Kindern. In Dt. beschäftigte sich Wundt i. R. seiner völkerpsychol. Analysen mit der R. Eine weitere Forschungsrichtung hat sich an den exp. Introspektionsmethode der Würzburger Schule orientiert. So wurde dabei auf der Grundlage der Lektüre von religiösen Texten die Vp aufgefordert, ihre Gefühle, Vorstellungen und sonstigen kogn. Prozesse wiederzugeben. Bei diesen Forschungsbemühungen stand v. a. die Analyse des religiösen Erlebens im Mittelpunkt. Auch die phänomenologisch-hermeneutisch orientierte Ps. widmete sich in den 1920er-Jahren dem religiösen Erleben. Mit dem Argument, dass solche Bewusstseinslagen weder dem Experiment noch der Introspektion zugänglich sind, wurden die religiösen Lebensformen über literarische Dokumente untersucht. Auch in den psychodynamischen Systemen von Freud und Jung wurde versucht, religiöses Leben zu interpretieren (Psychoanalyse). Für Freud stellt die Religiosität eine Illusion bzw. eine «universelle Zwangsneurose» (Neurose) dar, die aus unbewussten Schuldgefühlen entsteht. Eine lange Tradition hat ebenso die Forschungstradition auf der Basis von Einstellungsskalen. Der Beginn der einstellungsorientierten religionspsychol. Unterssuchungen ist mit der Publikation von L. D. Thurstone im Jahre 1929 verbunden (Thurstone, 1929). Nachdem Thurstone, 1927 seine Methode des law of comparative judgement vorgestellt hatte, übertrug er diese Methode der klassischen Psychophysik auf «soziale Reize». Dieser Forschungsansatz wurde 50 Jahre später in Dt. wieder aufgegriffen (Huber, 1996).

Die zweidimensional orientierten Forschungsstrategien gehen auf G.W. Gordon zurück und sind persönlichkeitstheoret. bzw. motivationspsychol. fundiert. In seinem Hauptwerk «The Individual and His Religion», das 1950 erschien, spielen die Konzepte der «funktionellen Autonomie» und der «reifen Person» eine Rolle und es unterscheidet eine intrinsisch motivierte von einer extrinsisch geprägten Religiosität. Dieses Konzept wird in einen psychometrisch konstruierten Fragebogen überführt und in zahlreichen Untersuchungen verwendet. Mithilfe der multidimensionalen Skalierung wurde versucht, die Urteilsräume religiöser Vorstellungen zu modellieren.

Im Zuge der «kognitiven Wende» der Ps. hat sich die angloamerikanische Ps. wieder dem Phänomen des Religiösen zugewandt und das Konstrukt der Religiosität untersucht. Für das Konstrukt der Religiosität wurden mehrere Bedingungen formuliert. Religiosität liegt im Erleben und Verhalten dann vor, wenn Personen Vorstellungen von der weltlichen Wirklichkeit haben, die über die sinnlich wahrnehmbare Welt hinausgehen. Zusätzlich muss die Person mit religösen Vorstellungen auch der Überzeugung sein, dass diese «nicht sinnliche Welt» mit ihrer physischen, sozialen und kult. Welt in Verbindung steht. Somit muss beim Vorliegen einer religiösen Auffassung auch das Phänomen der Transzendenz gegeben sein und es genügt damit nicht, Religiosität mit der Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft gleichzusetzen. Unter diesen Voraussetzungen hat sich die empirische R. folg. Untersuchungsfragen gestellt: Welche Glaubensinhalte und -praktiken charakterisieren die indiv. Religiosität? Welche Konsequenzen hat Religiosität für das Erleben und Verhalten religiöser Personen? Welche Beziehungen und Interaktionen bestehen zw. der Religiosität des Individuums und seiner religösen oder nicht religiösen Umwelt? Wie entwickelt sich die Religiosität und warum ist der Mensch religiös? In einem solch umfassenden Programm ist Religiosität sowohl abhängige wie auch unabhängige Variable und somit ist auch nicht überraschend, dass mit diesem Konstrukt vielfältige Untersuchungsprogramme durchgeführt werden.

Im angloamerik. Sprachraum wurden für die Publikation der sehr großen Zahl von jährlich durchgeführten Untersuchungen mehrere spez. Zeitschriften gegründet (Journal of Psychology and Theology, Journal of Psychology and Christianity, Psychology and Religion, Psychology of Religion and Spirituality). Zahlreiche Handbooks aggregieren in regelmäßigen Abständen den aktuellen Forschungsstand. Das neueste APA Handbook of Psychology, Religion, and Spirituality wurde 2013 herausgegeben (Pargament et al., 2013). Während in den nordeurop. Ländern das Fach R. an Universitäten angesiedelt ist (Murken & Namini, 2006), ist für den deutschsprachigen Raum festzustellen, dass der R. kein fester Platz im Spektrum der psychol. Teildisziplinen zugeordnet ist (Grom, 2010).

Verwendete Literatur

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