Repräsentationsstufen

 

[engl. stages of mental representation; lat. repraesentare vergegenwärtigen, vor Augen stellen], [EW, KOG], unter Repräsentation (= R.; Repräsentation) versteht man in der Ps. die «Abbildung» oder Kodierung von Ereignissen, d. h. von Weltausschnitten, Regeln, Erfahrungen, Wissen etc. Solche Kodierungen können intern (z. B. motorische Gewohnheiten, Vorstellungen, gewusste Regeln) oder extern (z. B. schriftliche Aufzeichnungen, Computereinträge) sein. Piaget (Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget) unterschied drei Klassen von internen Repräsentationen, nämlich sensu-motorische, vorstellungsbezogene oder konkrete und formal-logische oder zeichenhafte. Sie werden im Lauf der individuellen Entwicklung in dieser Reihenfolge erworben resp. aufgebaut.

Die frühesten Repräsentationen sind sensu-motorische (sensu-motorische Entwicklungsstufe). Entwicklung besteht dann zunächst darin, Sensorik (Wahrnehmung) und Motorik miteinander in Verbindung zu bringen und zu koordinieren; Bsp.: Finger in den Mund stecken, Ball wegschieben. Sodann geht es darum, zus.hängende Strukturen von mehreren Schemata (Assimilationsschema) zu bilden; Bsp.: einen Ball nehmen, werfen und wieder holen. Die sensu-motorische Repräsentation ist mehr als ein primitiver kleinkindlicher Umgang mit der Welt; auch wir Erwachsene «wissen» vieles nur oder in entscheidenden Belangen nur sensu-motorisch, z. B. Radfahren, Notbremsung im Auto, Erkennen einer best. Weinsorte.

Spätestens im Laufe des zweiten Lebensjahres kommen (mentale) Vorstellungen von Dingen und Abläufen dazu. Das ermöglicht Sprache und das Sprechen über Abwesendes, die Planung eines Weges oder die Entscheidung, bei Regen und Dunkelheit einen vergessenen Ball im Garten heute nicht mehr holen zu gehen. Auch der Umgang mit und die mentale Neukreation von Vorstellungen wird effizienter, wenn die Schemata dieser Stufe in Strukturen (Strukturgenese) einbezogen und so koordiniert werden. Wenn das geschieht, spricht Piaget von konkreten Operationen (konkret-operatorische Entwicklungsstufe), die dann schon sehr raffinierte Leistungen ermöglichen, bspw. die sichere Vorhersage, dass der Wasserspiegel in einem Trog zwar ansteigt, wenn man einen Holzklotz hineinwirft, dass die Wassermenge aber die gleiche bleibt, denn man kann sich gut vorstellen, den Holzklotz wieder herauszunehmen, wodurch der Wasserspiegel wieder sinken würde.

Die höchste Stufe wird mit der sog. formal-operatorischen Ebene (formal-operatorische Entwicklungsstufe) erreicht. Auf dieser Stufe können wir mit Dingen umgehen, ohne sie weder vor uns zu sehen noch sie uns vorzustellen; wir hantieren nur noch mit abstrakten Zeichen und können ihnen nach Bedarf Realitätsausschnitte zuordnen. Wir können uns bspw. aufgrund des Durchmessers d eines Kreises seinen Umfang allein mithilfe der Formel U%20%3D%20d%5Ccdot%20%5Cpi sicher bestimmen oder Dinge behaupten und beweisen wie: Bei der Halbierung des Durchmessers reduziert sich der Umfang ebenfalls um die Hälfte.

Piaget hat postuliert, dass diese Repräsentationsstufen im Lauf der Entwicklung in dieser Reihenfolge erworben werden, aber einander nicht ersetzen. Sie bleiben bestehen, und wir nutzen sie alle auch als Erw., im besten Fall wieder in gezielter Koordination. Bsp.: einen rechteckigen Bretterboden best. Ausmaße herstellen, d. h. voraus die genau nötige Zahl von Brettern berechnen, kaufen, zurechtschneiden etc. Dass die höheren R. erst nach den vorherigen und erst nach Jahren erklommen werden, ist durch die empirische Forschung nicht durchgehend bestätigt worden. Es gibt offensichtlich sehr breite Überlappungen (décalage).

Referenzen und vertiefende Literatur

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