Scheidung

 

[engl. divorce], [EW, RF, SOZ], mit einer Scheidung wird eine bestehende Ehe juristisch formell aufgelöst. Die Scheidungsraten sind in Dt. seit Beginn des 20. Jhd. und insbes. seit den 1970er-Jahren mehr oder minder kontinuierlich gestiegen. Obwohl die absolute Zahl der Scheidungen in den letzten Jahren auf hohem Niveau stagniert, steigt das Risiko einer Scheidung angesichts rückläufiger Heiratszahlen. Gegenwärtig werden rund 43 % aller Ehen durch eine Scheidung beendet, wobei Dt. im europäischen Mittelfeld liegt. Bis 1977 musste entspr. dem Schuldprinzip bei einer Scheidung einem der Partner die Schuld am Scheitern der Ehe zugewiesen werden. Mit der damaligen Reform des Familienrechts wurde das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip abgelöst, das auf eine Schuldzuweisung verzichtet. Nach aktuell geltendem Recht behalten nach einer Scheidung beide Eltern das gemeinsame Sorgerecht (Sorgerecht: Regelung nach Trennung und Scheidung), sofern nicht auf Antrag eines der Partner anders entschieden wird.

Die Scheidungsforschung befasst sich sowohl mit Risikofaktoren für eine Scheidung als auch mit ihren Folgen für die Familienmitglieder (Familie). I. R. der entwicklungspsychol. Forschung interessieren v. a. die Konsequenzen einer elterlichen Scheidung für mit betroffene Kinder. Hierbei wird jedoch weniger der juristische Akt der Scheidung zum Bezugspunkt gemacht als vielmehr die dauerhafte räumliche Trennung der Eltern, die oftmals mehrere Jahre – nach dt. Scheidungsrecht, das ein Trennungsjahr vorsieht, i. d. R. zumindest ein Jahr – vor der eigentlichen Scheidung liegt. Überwiegend wird auf stresstheoret. Konzeptionen (Stress) Bezug genommen, um die Auswirkungen einer elterlichen Trennung für Kinder zu erklären. Hierbei werden auch Begleitumstände und Folgen für das Familienleben wie die vielfach gegebene Verknappung finanzieller Ressourcen, Streitigkeiten und juristische Auseinandersetzungen zw. den Eltern (um das Sorgerecht, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, den Unterhalt), mögliche Belastungen der seelischen Gesundheit und des Erziehungsverhaltens (Erziehung, Erziehungsstile) der Eltern, verminderter Kontakt der Kinder zum getrennt lebenden Elternteil, neue Partnerschaften der Eltern u.v.m. in den Blick genommen. Einen breiten Rahmen hierfür bietet die Scheidungs-Stress-Bewältigungsperspektive nach Amato (2010), die neben den scheidungsbedingten Stressoren für Eltern und Kinder auch deren Ressourcen für die S.bewältigung in den Blick nimmt. Im Zuge von Prospektivstudien, die Scheidungsfamilien schon vor der elterlichen Trennung erfasst haben und längsschnittlich über die Trennung hinaus verfolgen, zeigte sich allerdings, dass Kinder aus späteren Scheidungsfamilien oftmals schon vor der Trennung der Eltern vermehrte Belastungen (Belastung, psychische) aufweisen. Als alternative Erklärung für solche Nachteile von Scheidungskindern gegenüber Kindern in Kernfamilien wird im Rahmen der sog. Selektionsperspektive auf jene Belastungsfaktoren rekurriert, die einer Scheidung vorausgehen und ihrerseits das Scheidungsrisiko erhöhen. Eine prominente Rolle kommt hierbei anhaltenden, dysfunktionalen Konflikten zw. den Eltern zu, die sich als deutlicher Risikofaktor für die kindliche Entwicklung erwiesen haben.

Als Hilfe im Scheidungsprozess stehen Familien spezialisierte Beratungsangebote (Beratung, psychologische) zur Verfügung, die auch schon in der sog. Ambivalenzphase, also vor der endgültigen Entscheidung (Entscheiden) zur Trennung, in Anspruch genommen werden können. Ein konfliktminderndes Verfahren zur außergerichtlichen Einigung stellt die Mediation dar, mit der die Anliegen der Parteien herausgearbeitet werden, um auf dieser Basis eine konsensuelle Lösung (etwa in finanziellen Belangen oder bei der Regelung der Kontakte zwischen getrennt lebendem Elternteil und Kind) zu finden. Sofern es zu einer Entfremdung zwischen dem getrennt lebenden Elternteil und seinem Kind bzw. den Kindern gekommen ist und der hauptbetreuende Elternteil den Kontakt ablehnt, kann über begleiteten Umfang eine Kontaktanbahnung versucht werden. Auf begleiteten Umfang wird auch zurückgegriffen, wenn trotz bestehender Sicherheitsbedenken (z. B. nach Missbrauchsvorwürfen) der Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil aufrechterhalten werden soll. Für Scheidungskinder bieten einige Beratungsstellen (Erziehungsberatung) eigene Gruppen- oder Therapieangebote an. Modell ehelicher Stabilität.

Referenzen und vertiefende Literatur

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