Schweigespirale

 

(= S.) [engl. spiral of silence], Noelle-Neumann, 1974, [MD, SOZ], die Theorie der S. dient zur Erklärung kollektiver Meinungsverteilungen und massenmedienwirkungsabhängiger Meinungswechsel innerhalb einer Gesellschaft (öffentliche Meinung, Meinungsbefragung). Ihre Kernaussage beschreibt die Tendenz des einzelnen Gesellschaftsmitglieds, die eigene Meinung mit der wahrgenommenen öffentlichen Meinung abzugleichen und im Falle einer vermuteten Abweichung die eigene Meinung zu verschweigen oder ggf. anzupassen. Noelle-Neumann unterstellt Menschen diesbzgl. ein quasistatistisches Organ, das es uns erlaubt, Änderungen des Meinungsklimas und Häufigkeitsverteilungen sensibel wahrnehmen zu können. Die S. schließt an sozialpsychol. Experimente von Solomon Asch (1952) zur Meinungskonformität innerhalb von Gruppen (Konformität) an und verbindet diese mit gesellschaftstheoretischen Annahmen zur Isolationsfurcht des einzelnen Individuums. Die für die Theorie der S. zentrale Isolationsfurcht des Einzelnen bezieht sich auf gesellschaftstheoret. Erwägungen des 19. und frühen 20. Jhd., indem – vor dem Hintergrund einer entstehenden anonymen Massengesellschaft – gesellschaftliche Integration am Grad der Teilhabe an gesellschaftlicher Öffentlichkeit und Übereinstimmung mit öffentlicher Meinung bemessen wird. Unter öffentlicher Meinung versteht die S. insbes. moralisch aufgeladene, wertgeladene Meinungen und Verhaltensweisen, die als gesellschaftlich akzeptiert gelten und deren Einhaltung oder Äußerung die Integration in die Gesellschaft befördert. Entsprechend ist die Isolationsfurcht auch als zentraler gesellschaftlicher Integrationsfaktor zu betrachten. Noelle-Neumanns theoretische Erwägungen schließen hier unter anderem an die Arbeiten Alexis de Tocquevilles, Ferdinand Tönnies und Floyd Allports an und betten die Anpassungsbestrebungen des Einzelnen an die als vorherrschend wahrgenommene Mehrheitsmeinung in einen Theorieentwurf der öffentlichen Meinung ein. Als Teil dieser übergeordneten Theorie beschreibt die S. einen Wirkungsmechanismus, der die durch massenmediale Berichterstattung wahrgenommene, vermeintlich öffentliche Meinung zum Ausgangspunkt eines Anpassungsdrucks auf diejenigen Gesellschaftsmitglieder nimmt, die sich mit ihrer persönlichen Meinung als abweichend von der vermeintlichen Mehrheitsmeinung und folglich in der Minderheit wahrnehmen. Die S. geht idealtypisch von opponierenden Grundstimmungen aus, zwischen denen sich Mitglieder einer Gesellschaft aus Angst vor sozialer Isolation entscheiden müssen. Entstehungsgeschichtlich ist die S. hierbei vor allem in der politischen Kommunikationsforschung anzusiedeln. Noelle-Neumanns Entwicklung der S. fußt auf Beobachtungen der Bundestagswahlen 1965 und 1972, die sich im Vorfeld der Wahlen durch ein Kopf-an-Kopf-Rennen der CDU/CSU und SPD in den Meinungsumfragen auszeichneten. Neben diesen im Vorfeld der Wahlen ausgeglichenen Wahlabsichten äußerten die Befragten in beiden Wahlkämpfen auch den von ihnen vermuteten Wahlsieger. Noelle-Neumann konnte im Rahmen der Meinungsumfragen des durch sie geleiteten Allensbacher Instituts für Demoskopie mit der Abfrage des vermutlichen Wahlsiegers zeigen, dass sowohl 1965 als auch 1972, kurz vor den Wahlterminen, die in den Befragungen erhobene Wahlabsicht sich in Richtung der jew. erwarteten Wahlsieger entwickelte. Dieser Last-Minute-Swing wird in der S. auf die massenmediale Berichterstattung zurückgeführt. Eine S. kommt in der Folge durch die Isolationsfurcht von Rezipienten massenmedialer Medienangebote zustande, die sich in der Minderheit gegenüber der medial dargestellten vermeintlichen Mehrheitsmeinung wahrnehmen und in der Folge die öffentliche Äußerung ihrer eigenen Meinung zunehmend unterlassen. Hierbei geht die S. von einem sich selbst verstärkenden Effekt – einer Spirale – aus, der zu einer Verdrängung von opponierenden Meinungen aus der öffentlichen Wahrnehmung führen kann. Neben der sozialpsychol. und gesellschaftstheoretischen Sicht auf den Rezipienten von Medienangeboten stehen in der Theorie der S. jedoch auch die Massenmedien selbst im Fokus. Als Lieferant gesellschaftlich relevanter Themen erfüllen Massenmedien eine wichtige Orientierungsaufgabe für die Mitglieder einer Gesellschaft. Dieser Einfluss einzelner Medien ist umso größer, je eher Rezipienten der Glaubwürdigkeit eines Mediums trauen. Insbes. das Authentizität vermittelnde Fernsehen und die von den Rezipienten als glaubwürdig eingeschätzte Fernsehberichterstattung haben nach der S. signifikanten Einfluss auf die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Meinungsklimas. Für diesen Einfluss lassen sich in der S. drei Faktoren geltend machen: (1) Konsonanz: Hiermit bezeichnet Noelle-Neumann die inhaltliche Übereinstimmung der medialen Berichterstattung, (2) Kumulation: definiert als die ständige Wiederholung und Präsenz medialer Berichterstattung im Alltag der Rezipienten, (3) Öffentlichkeitseffekt: Dieser Effekt basiert auf der starken Präsenz der Medien in der Gesellschaft und beschreibt das wechselseitige Wissen der Rezipienten, dass nicht sie allein, sondern auch alle anderen Gesellschaftsmitglieder Medieninhalte rezipieren. Wirkungsstarke Medien wie das Fernsehen sorgen folglich für das Entstehen eines doppelten Meinungsklimas in der Gesellschaft, das bei Rezipienten, die Medien stark nutzen, eine andere Wahrnehmung der Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Öffentlichkeit auslöst, als dies bei weniger starker Mediennutzung der Fall wäre. Das Zusammenspiel aus sozialer Isolationsfurcht und medialer Darstellung vermeintlicher Mehrheitsmeinungen kann i. S. der S. zu einem vollst. Verdrängen tatsächlicher öffentlicher Mehrheiten zugunsten effektiv vorgetragener Minderheitsmeinungen führen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn gut organisierte Minderheiten über entspr. massenmediale Präsenz verfügen. Die in der S. charakterisierte Wirkmächtigkeit des Fernsehens ist Ausgangspunkt für die empirische Untersuchung des Bundestagswahlkampfes von 1976, der zugunsten der SPD ausgeht. Nach Noelle-Neumanns Befunden hat insbes. bei starken Fernsehnutzern die konsonante Berichterstattung zugunsten der SPD durch mehrheitlich in ihrer eigenen politischen Präferenz SPD-orientierte Journalisten zu einer verzerrten Wahrnehmung der tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse geführt. Die S. geht in der Folge davon aus, dass das vor allem durch die Fernsehberichterstattung verzerrte Meinungsklima nicht nur zu Zurückhaltung hinsichtlich der Äußerung vermeintlich unterlegener politischer Meinungen geführt hat, sondern auch mittelfristig die politischen Einstellungen der Rezipienten zugunsten der als Mehrheit wahrgenommenen Positionen beeinflussten. Die S. geht hiermit im Zeitverlauf konkret von der Möglichkeit aus, dass der Prozess der S. bedeutsam Einfluss auf das Wahlverhalten der Rezipienten nimmt. Insbes. dieser starke Zusammenhang zwischen Mediennutzung und konkreter Einstellungsänderung und Verhaltensänderung stellt einen stetigen Kritikpunkt in der wiss. Diskussion der S. dar. In der neueren Forschung zur S. konzentriert sich die Forschungslogik stärker auf die Klärung der öffentlichen Thematisierungsbereitschaft von Individuen. Die empirische Überprüfung konkreter Verhaltensänderungen wird hingegen zugunsten der Beobachtung von Rezipientenerwartungen an die Entwicklung des Meinungsklimas abgeschwächt. Minorität, Soziale Dominanz.

Referenzen und vertiefende Literatur

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