Seele

 

(= S.) [engl. soul; gr. ψυχή (psyche), lat. anima], syn. Psyche, [PHI], ursprünglich das lebensspendende Prinzip im Menschen, auch die den Leib gestaltende und bewegende Kraft. Neben der S. beim Menschen findet sich auch die Annahme einer Seele bei Tieren, Pflanzen und bei unbelebten Dingen und Naturerscheinungen (Animismus); weiterhin der Glaube an eine Weltseele, teils mit der Annahme, dass die indiv. S. in diese eingehen kann oder mit ihr letztlich identisch ist. In vielen Kulturen verbreitet ist die Idee einer dem Körper innewohnenden, unsterblichen S. Platon unterschied die drei S.vermögen Begierde, Mut bzw. Willen, Denken bzw. Vernunft, die er den Körperteilen Unterleib, Brust und Kopf zuordnete. In ähnlicher Weise unterschied Aristoteles eine (allen Lebewesen eigene) vegetative, eine animalische und eine (dem Menschen zukommende) vernünftige S. Letztere wurde oft als unsterblich aufgefasst und wird häufig auch als Geist bezeichnet. Einflussreich war Descartes’ Dualismus, wonach die Seele denkende Substanz ist, im Unterschied zur ausgedehnten Substanz, der Materie (Leib-Seele-Problem).

In der zeitgenössischen Philosophie und Ps. dominiert die Auffassung, dass es keine substanzielle Seele gibt und dass die sog. seelischen (psych., mentalen) Vorgänge auf das Zentralnervensystem als physischen Träger angewiesen sind. Die Annahme einer substanziellen S. ist nicht notwendig, um Verhalten zu erklären. Sie ist auch nicht phänomenologisch begründbar, im Unterschied zu den Erlebnissen (Bewusstsein), die als Ereignisse Gegenstand innerer Erfahrung sind (Selbstbeobachtung). Die verbreitete Annahme einer substanziellen S. ist erklärbar einerseits durch religiöse Motive, andererseits durch den jew. unterschiedlichen Erkenntnisstand: Vor der Entwicklung der Kybernetik und Informationswissenschaft war es schwer vorstellbar, dass ein physisches System allein zur Selbststeuerung und komplexen Informationsverarbeitung fähig sein könnte. Im Behaviorismus und Neo-Behaviorismus wurde der Begriff S. zus. mit allen mentalistischen Begriffen als wiss. unbrauchbar erklärt. Mit dem Einfluss der neueren kognitiven Psychologie wurden mentalistische Begriffe (Wahrnehmen, Verstehen, Denken) wieder als notwendig anerkannt, doch findet der Begriff S. wegen seiner Assoziation mit metaphysischen Fragen (Unsterblichkeit, Beziehung zu Gott) kaum Verwendung. Im Engl. gibt es für die Gesamtheit der mentalen Vorgänge den Begriff mind, im Unterschied zu soul.