Selbst

 

(= S.) [engl. self], [PER], das S. besteht aus einem semantischen System, das alle selbstbezogenen Wissens- und Gedächtnisrepräsentationen in hochstrukturierter Form (Selbstkonzept, Selbst, Struktur) sowie deren Bewertungen durch die Person (Selbstwert) beinhaltet. Es unterscheidet sich von allg. Wissensstrukturen ausschließlich durch seine Reichhaltigkeit und seine S.bezogenheit, es stellt keine abgrenzbare, homunkoloide Struktur dar. Die Perspektive des realen S. in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird ergänzt durch die des möglichen Selbst («Ich könnte auch ganz anders sein»). Bes. motivationale Funktion (Motivation) wird dabei kogn. Repräsentationen von als möglich erachteten zukünftigen Zuständen [engl. possible selves] zugeschrieben. Mit diesen selbstbezogenen Inhalten operieren alle grundlegenden psych. Prozesse (Prozesse des S.), bes. Aufmerksamkeit erhalten häufig diejenigen, die explizit auf eine Veränderung des S. abzielen (selbstregulative Prozesse; Selbstregulation, Informationsverarbeitung, Selbstregulationsmodell). Der Gedanke des Dualismus von Inhalten und Prozessen des S. geht zurück auf William James’ (1890) Annahme eines I-Self als erkennendes Subjekt, das sich des Me-Self bewusst ist. Das S. ist ein flexibles, dynamisches System, es entwickelt sich sowohl in Abhängigkeit des situativen Kontextes (aktualgenetisch) als auch über die gesamte Lebensspanne (ontogenetisch).

Einen markanten Punkt in der Entwicklung des S. stellt der Nachweis eines physischen S.konzepts dar, häufig operationalisiert über das Erkennen der eigenen Person im Spiegel (Rouge-Test). Mit der voranschreitenden sprachlichen Entwicklung des Kindes kommt es auch vermehrt zu sprachlichen S.beschreibungen. Diese sind zunächst bezogen auf beobachtbare Merkmale wie Aussehen, Fähigkeiten, Besitztümer, in der späten Kindheit nehmen S.beschreibungen anhand psych. Merkmale zu. Der Übergang zur Adoleszenz ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit zur Bildung abstrakter selbstbezogener Konzepte, die sich in den folg. Jahren kontext- und rollenspezif. (Rolle) ausdifferenzieren. Die einzelnen Aspekte des S.konzeptes stehen zunächst relativ unverbunden nebeneinander, erst die kogn. Fähigkeit zur Integration einzelner Abstraktionen ermöglicht die Integration zu einem kontextübergreifenden, kohärenten S.konzept. Im Erwachsenenalter stellt die beeindruckende Stabilität des S. eine Herausforderung für die Forschung dar. Befunde einer hohen Stabilität auch im höheren Lebensalter trotz zunehmender physischer, kogn. und sozialer Einschränkungen und Verluste (Wohlbefindensparadox) führten zu der Annahme, dass diese im Sinne einer Stabilität durch Anpassung vom Individuum aktiv (wenn auch nicht notwendigerweise intentional) hergestellt wird und zu einer daraus resultierenden Beschäftigung mit selbststabilisierenden Mechanismen (SOK-ModellBaltes & Baltes, 1990; Zwei-Prozess-Modell der Entwicklung;  Brosch & Scherer, 2009; Persönlichkeitsstabilisierung, Mechanismen der, Identität und Selbst, Persönlichkeitspsychologie).

In der kulturvergleichenden Ps. konnten hinsichtlich des S. Unterschiede zw. individualistischen und kollektivistischen Kulturen festgestellt werden. Während in ersteren das S. vorrangig in Abgrenzung zu anderen definiert wird (independent self), beschreiben Mitglieder kollektivistischer Kulturen ihr S. eingebettet in soziale Gefüge (interdependent self). Diese unterschiedlichen S.konstruktionen zeigen Auswirkungen auf eine Vielzahl kogn., emot. und motivat. Prozesse. Interessanterweise hängt die Art der S.konstruktion aber nicht ausschließlich von der Kultur, sondern auch von situativen Erfordernissen ab. Idiozentrismus–Allozentrismus.

Referenzen und vertiefende Literatur

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