Selbstbeobachtung

 

(= S.) [engl. introspection, self-observation], [KLI], Introspektion, die bewusst auf seelische Vorgänge und Zustände gerichtete Aufmerksamkeit, um die versch. Phasen des Ablaufs psych. Vorgänge und die Mannigfaltigkeit der Inhalte festzustellen und zu beschreiben. Systematisch durchgeführt ist die S. eine der Forschungsmethoden der Ps. (Beobachtung). Sie gliedert sich, je nach ihrer Anwendung, in eigene S., wobei sich der Forscher selbst der S. unterzieht, oder in vermittelte S., bei der psych. Vorgänge anderer Personen als Ergebnisse ihrer S. mitgeteilt werden.

Als sich die Ps. im 19. Jhd. mit dem Gegenstand Bewusstsein oder der inneren Erfahrung als selbstständige Wiss. etablierte, war – da man bewusstes Erleben nirgendwo anders findet als in sich selbst – die S. ihr wichtigstes meth. Instrument. Insofern Erleben als indiv. Gegebenheit an die Innenwelt seiner indiv. Träger gebunden ist, sprach man der S. auch in der Persönlichkeitsforschung eine wesentliche Bedeutung zu. Als zureichende psychol. Methode der Datengewinnung wird die S. aber wie folgt kritisiert: (1) die Gefahr der Selbsttäuschung (auf die schon Brentano hinweist), bes. wenn die S. zugleich eine Selbstbeurteilung provoziert oder eine moralische bzw. eine soziale Bewertung mit einschließt; (2) die Frage, ob es gelingt, trotz der unbestrittenen möglichen Rückwendung der Erkenntnisintention auf das eigene Selbst im strengen Sinne gleichzeitig ein Erlebnis zu haben als es auch zu beobachten; (3) die Tatsache, dass jede Beobachtung als solche das zu beobachtende Phänomen ändert; (4) das Problem, inwieweit unsere Sprache dazu ausreicht, die außerordentlich differenzierten und veränderlichen, flüchtigen psych. Vorgänge auszudrücken; (5) das wiss. Kriterium der Vergleichbarkeit kann nicht erfüllt werden. Aufgrund dieser Einwände wird die S. von vielen Forschern abgelehnt, bes. von den Behavioristen (Behaviorismus). Brentano und Ach messen der S. – trotz Bedenken – neben dem Experiment eine beträchtliche Bedeutung bei, wenn sie systematisch durchgeführt wird. Für die S. spricht, dass sie für das indiv. Erleben der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, des Bedürfnisses etc. den einzig möglichen direkten Zugang bildet. Die Schwächen dieser Methode können durch Ergänzungsverfahren (z. B. Ausdrucksbeobachtung, Analyse psychopathologischer Erscheinungen, Studium von Selbstbiografien) etwas gemildert werden.

In der Psychoth. (v. a. kognitive Verhaltenstherapie), dient die systematische S. als wichtige Datenquelle für die Problemanalyse und kann u. U. wegen der größeren Aufmerksamkeit und Konfrontation mit unangenehmen Verhaltensweisen allein zu einer Reduktion derselben führen. Selbstaufmerksamkeit, Selbsterkenntnis, Spaltentechnik.