Selbstkonzept, Entwicklung

 

[engl. self-concept, development], [EW, PER], unter Selbstkonzept (= S.) versteht man das Gesamtsystem der Überzeugungen bzw. kogn. und affektiven Einstellungen zur eigenen Person. Dabei werden versch. Formen und Facetten des S. unterschieden, die unterschiedliche Entwicklungsverläufe aufweisen (Neisser, 1988). Rudimentäre Fähigkeiten der vorbegrifflichen Unterscheidung zwischen Selbst und Anderen etwa finden sich schon bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten: Sie können bereits Live-Filmaufnahmen von sich selbst unterscheiden von ähnlichen Aufnahmen von anderen Kindern. Klare Hinweise auf erste Formen einer konzeptuellen Vorstellung von sich selbst finden sich im Laufe des zweiten Lebensjahres: Ab etwa 18 Monaten bestehen Kinder den sog. Spiegel-Selbsterkennungstest (Rouge-Test): Wird dem Kind zunächst unbemerkt ein Fleck im Gesicht angebracht und wird das Kind dann mit einem Spiegel konfrontiert, fasst es sich ins Gesicht und versucht, den ungewöhnlichen Fleck zu beseitigen (während jüngere Kinder ins Spiegelbild fassen). Diese Fähigkeit zur Spiegelselbsterkennung entwickeln übrigens neben Menschen nur wenige andere Spezies wie Menschaffen und evtl. manche Vogelarten. Im Anschluss an diesen kogn. Meilenstein entwickelt sich gegen Ende des zweiten Lebensjahres die entspr. linguistische Kompetenz, auf sich selbst zu referieren: Kinder beginnen, Personalpronomina wie «ich» und «du», deren Referenz variiert, je nachdem, von wem sie verwendet werden, richtig anzuwenden und zu verstehen.

Während diese frühen Formen des S. sich zunächst auf die Gegenwart beziehen (synchrones S.), entwickelt sich in der Folge ein Konzept von sich selbst als in der Zeit, in Zukunft und Vergangenheit hinein ausgedehntes Subjekt (diachrones S.). Ab etwa drei bis vier Jahren entwickeln Kinder autobiografisches Gedächtnis, d. h. die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, und verstehen, wie die eigene Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst. Zur gleichen Zeit entwickelt sich die Fähigkeit, sich selbst in der Zukunft vorzustellen und entspr. zu planen (Planen), etwa in Aufgaben zum Belohnungsaufschub, in denen künftige eigene Bedürfnisse und gegenwärtige gegeneinander abgewogen werden müssen. Die nachfolgende Entwicklung des S. in der Kindheit und Jugend ist gekennzeichnet durch die folgenden grundlegenden Entwicklungstrends:

Das S. wird ausdifferenziert, d. h. nach feineren Maßstäben und in mehrerlei Hinsicht beschrieben, etwa bzgl. der eigenen Leistung in versch. Bereichen wie Schule, Sport etc. (Fähigkeitsselbstkonzept). Soziale Vergleiche gewinnen an Bedeutung («Wie bin ich im sozialen Vergleich?»). Schließlich entwickelt sich das S. hin zu abstrakterer und systematischerer Organisation. So können nun gegenläufige Attribute in der Selbstbeschreibung (z. B. rücksichtsvoll vs. egoistisch) dadurch vereinbart werden, dass sie relativ zu best. Kontexten gesehen werden («Ich bin rücksichtsvoll zu meinen Freundinnen, kann aber egoistisch sein in Wettbewerbssituationen»). Vereinzelte Selbstzuschreibungen (z. B. «Ich kann gut springen, kann schnell laufen») werden in höherstufigen Kategorien organisiert («Ich bin sportlich»). Und versch. Vergleichsmaßstäbe können simultan angewendet werden («Ich kann besser rechnen als noch vor einigen Wochen, bin aber immer noch schlechter als die meisten in meiner Klasse»). Nach dem Jugendalter (Adoleszenz) bleibt die Struktur des S. über das Erw.alter hinweg weitgehend konstant, während seine Inhalte sich je nach Lebenserfahrungen natürlich stetig ändern und anpassen können (Filipp & Mayer, 2005). Intentionale Selbstentwicklung, Selbst, Struktur.

Referenzen und vertiefende Literatur

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