Selektion, Optimierung und Kompensation, Modell der (SOK-Modell)

 

[engl. model of selection, optimization, and compensation (SOC); lat. selectio Auswahl, compensare aufwiegen, ausgleichen] [EM, EW], das SOK-Modell von Baltes und Baltes (1990) ist ein allg. Modell erfolgreicher Entwicklung, nach dem die drei Prozesse Selektion, Optimierung und Kompensation zentral für die Entwicklungsregulation über die gesamte Lebensspanne (Lebensspannenpsychologie) sind. Das Modell postuliert, dass lebenslange Entwicklung vor allem von der ständigen und immer wieder neuen Orchestrierung dieser drei grundlegenden Entwicklungsstrategien geprägt ist, die überwiegend bewusst eingesetzt werden. Freund und Baltes (2002) betteten das SOK-Modell handlungstheoretisch ein und stellten die Rolle von persönlichen Zielen für die indiv. Entwicklung in den Mittelpunkt der erfolgreichen Entwicklungsregulation. Zentral ist in diesem Modell sowohl die motivationspsychol. Unterscheidung von Zielsetzung und -verfolgung (vgl. Rubikonmodell der Handlungsphasen) sowie die lebensspannenps. relevante Unterscheidung von Entwicklungsgewinnen und -verlusten. Die Lebensspannenps. geht davon aus, dass jede Phase der Entwicklung sowohl durch Gewinne als auch durch Verluste charakterisiert ist. Das Verhältnis von Gewinnen und Verlusten verändert sich jedoch dergestalt, dass in jüngeren Altersphasen Gewinne vorherrschen und im hohen Alter die Verluste (z. B. gesundheitliche Probleme, kogn. Verluste) überwiegen. Erfolgreiche Entwicklungsregulation bezieht sich nach diesem Ansatz auf eine pos. Gestaltung der sich verändernden Ressourcenlage (Schaffung von Ressourcen (Ressource) und Umgang mit Verlusten). Hierzu tragen nach dem SOK-Modell die folg. Prozesse bei:

(1) Selektion wird als die Entwicklung, Auswahl, Priorisierung und Kontextualisierung von Zielen (d. h. die Abstimmung persönlicher Ziele auf den jew. Lebenskontext) sowie die (subj.) Verpflichtung gegenüber ausgewählten Zielen definiert: Elektive Selektion bezieht sich auf Prozesse der Entwicklung und Auswahl von Zielen. Durch die Festlegung auf best. Ziele wird der Entwicklung eine Richtung gegeben und ermöglicht die Fokussierung von Ressourcen. Damit trägt Selektion zentral zu der indiv. Entwicklung i. S. einer zunehmenden Spezialisierung und Integration durch die Kanalisierung von Ressourcen bei. Da Ressourcen begrenzt sind, ist die Auswahl einer Teilmenge potenzieller Ziele notwendig, auf die die Ressourcen gebündelt werden. Verlustbasierte Selektion bezieht sich auf die Umstrukturierung von Zielen, wenn diese aufgrund von Verlusten oder Einschränkungen nicht aufrechterhalten werden können. Hierzu zählen das Setzen neuer Prioritäten, die Konzentration auf zentrale Ziele und die Anpassung von Zielen an neue Gegebenheiten. (2) Optimierung bez. den Prozess der Zielverfolgung durch den Einsatz von zielrelevanten Mitteln. Zentrale Optimierungsprozesse sind der Erwerb neuer Fertigkeiten oder Ressourcen, die Übung von Fertigkeiten, die Investition von Zeit und Anstrengung und die Integration von einzelnen Fertigkeiten in größere Handlungsabläufe. Optimierung trägt damit zu den Entwicklungsgewinnen bei. (3) Kompensation ist def. als der Einsatz von Mitteln, um Verlusten entgegenzuwirken. Kompensation bezeichnet die Substitution von verlorenen Handlungsmitteln durch neu erworbene oder zuvor ungenutzte Ressourcen sowie die Inanspruchnahme von Hilfsmitteln oder der Unterstützung durch andere Personen. Kompensation ist nach dem SOK-Modell neben der verlustbasierten Selektion die zweite Möglichkeit, Ressourcenverluste zu bewältigen.

Durch die fundamentalen Prozesse Selektion, Optimierung und Kompensation kann ein relativ stabiles Funktionsniveau und damit einhergehend ein hohes subj. Wohlbefinden hergestellt, gesteigert oder stabilisiert werden. Altersbezogen geht eine zentrale Annahme des Modells dahin, dass im mittleren Erwachsenalter das Wechselspiel zw. den drei zentralen Prozessen optimal ausgeprägt und koordiniert ist, während dies im frühen und späten Erwachsenenalter durch noch nicht stattgefundene Aneignungsprozesse (junges Erwachsenenalter) oder zunehmende Verluste (höheres Lebensalter) weniger der Fall ist. Das SOK-Modell kann als empirisch gut belegt angesehen werden. Mithilfe versch. Operationalisierungen und meth. Zugänge wurde sowohl im Selbstbericht als auch in Verhaltensmessungen, in korrelativen und in exp. Studien gezeigt, dass die SOK-Prozesse während des gesamten Erwachsenenalters bis ins hohe Alter (Lebensalter, drittes und viertes) eingesetzt werden und zur erfolgreichen Entwicklung i. S. der gleichzeitigen Maximierung von Gewinnen und Minimierung von Verlusten auf der subj. Ebene (z. B. subj. Wohlbefinden) und in Bezug auf obj. Performanz (z. B. kogn. Leistungen) beitragen. Das SOK-Modell gehört heute zu den meist genutzten Ansätzen in der Psychologie des Alterns, aber auch weit darüber hinaus. Z. B. Anwendungen in den Gebieten Klin. Ps., Gesundheitsps., Arbeits- und Organisationsps.

Referenzen und vertiefende Literatur

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