Semantik (Semiologie)

 

(= S.) [engl. semantics; gr. σημαίνειν (semainein) bezeichnen], [KOG], ist die Wissenschaft von der sprachlichen Bedeutung. So umfassend dieser Begriff ist, so umfassend ist der Gegenstand der S. Systematische Darstellungen des Gesamtgebietes finden sich in Maienborn et al. (2011/2012), Heusinger et al. (2012), kompakter in Saeed (2003). Ausgangspunkt der S. ist, dass Sprache ein spezifisches System von Zeichen ist. Sprachliche Zeichen sind Symbole mit einer durch die jew. Sprachgemeinschaft konventionell gegebenen Beziehung zu dem, was das Symbol jew. bezeichnet, dem Designat. Als das Bezeichnete werden – je nach theoretischer Konzeption – Dinge und Sachverhalte in einem definierten Weltmodell (Logische S.) bzw. ihre geistigen Repräsentationen im Wissen und Denken des Menschen angenommen, also in Begriffen und kogn. Repräsentationen von Sachverhalten i. w. S. Befunde psychol. und neurologischer Experimente seit Ende des letzten Jhd. stützen die alternative Annahme, dass nämlich eine Wortform nicht mit einem Begriff, sondern direkt mit der kogn. Repräsentation von Wahrnehmungseinheiten (Bild, Geräusche, Geruch etc.) und mit seinem neuronalen Substrat verbunden sei; vgl. Barsalou (1999); Gegenevidenz begründet allerdings die Annahme eines kombinierten Systems mit zwei Repräsentationsebenen, einer begrifflichen und einer «außersprachlichen» mit wahrnehmungsnahen Einheiten (vgl. Paivio, 1986). Jede natürliche Sprache besteht aus einem Repertoire an Zeichen, dem Lexikon, und Kompositionsregeln zur Bildung komplexer Ausdrücke, Sätze und Texte. Die Bedeutung von komplexen Ausdrücken, so die fundamentale Grundannahme der S., ergibt sich kombinatorisch aus den Bedeutungen der Komponenten und der Struktur ihrer Zusammensetzung (Frege-Prinzip). Die Bedeutung der Elemente des Lexikons (Wörter und Morpheme) ist Gegenstand der lexikalischen S. Grundsätzlich gilt, dass die Bedeutung eines Wortes der ihm lexikalisch zugeordnete Begriff ist. Versch. Kategorien von Begriffen entsprechen grob gesehen verschiedenen lexikalischen Klassen, im Dt. z. B. den Begriffen von Dingen die Nomina, von Eigenschaften die Adjektive und Adverben, von Zuständen und Sachverhalten die Verben, von Relationen die Präpositionen und Konjunktionen (Heusinger et al., 2012). Das semantische Lexikon bildet keine bloße Liste von isolierten Bedeutungseinheiten; jede Bedeutungseinheit ist vielmehr mit jeder anderen durch semantische Beziehungen (Sinnrelationen) unmittelbar oder mittelbar über andere in einem so gebildeten mehrdimensionalen Netz verbunden. Sinnrelationen sind Synonomie (Ergebnis – Resultat) Antonymie (arm – reich), Hyponymie (Pferd – Tier) und andere (Saeed, 2003). Bezogen auf ein solches semantisches Netz, lässt sich die Bedeutung einer lexikalischen Einheit maximal bestimmen als Menge aller Bedeutungen, mit denen sie über Sinnrelationen unmittelbar und mittelbar verbunden ist (De Saussure, 1916, 159: «Puisque la langue est un système dont tous les termes sont solidaires et où la valeur de l’un ne résulte que de la présence simultanée des autres (…)»). Eine empir. plausible Theorie, die sog. Komponentensemantik, nimmt lediglich einen stark begrenzten Ausschnitt der Netzstruktur als die Bedeutung eines Wortes an, z. B. nur die Bedeutungen seiner unmittelbaren Nachbarn im Netz, bei Haus also z. B. [Wohnraum, Gebäude]. Inhaltliche Schwerpunkte der lexikalischen S. bilden Untersuchungen von Raumausdrücken, Zeitausdrücken, Quantoren, Bewegungsverben sowie Phänomenen von nicht wörtlicher Bedeutung und Mehrdeutigkeit (Stern, 2008). Gemäß dem Frege-Prinzip ist die Bedeutung eines Satzes die semantische Struktur aus den Bedeutungen der Wörter und den Beziehungen im Satz. Als ganze bez. sie einen Sachverhalt, engl. auch situation. Theorien der Satzsemantik werden in der formalen S. als Sprachen der Modallogik formuliert (Saeed, 2003). In der Universalgrammatik (Universalien, universelle Grammatik) ist die logische Repräsentation der Satzbedeutung über das sog. conceptual interface system mit der Syntaxkomponenten der Sprachbeschreibung systematisch verbunden (Culicover & Jackendoff, 2005) und in der Kognitiven Linguistik mit kogn. Kategorien und Strukturen formuliert (Talmy, 2000). In Äußerungen der täglichen Kommunikation stehen Sätze nicht isoliert, sondern in Texten verbunden (Kohärenz) und auf Parameter der Verwendungssituation (Deixis) bezogen. Einschlägige sprachliche Mittel sind Pro-Formen zum Verweis auf vorher bezeichnete Personen, Zeiten, Orte (Anaphern), logische Verknüpfungen von Satzbedeutungen, Kausal-, Implikations-, Konditionalrelationen u. a., implizierte Sachverhalte (Präsuppositionen) sowie schließlich die Gliederung der Einzelinformation im Satz unter Bezug auf vorangegangene Textinformationen (Informationsstruktur; Klein, 2008, Zimmermann, 2012).

Verwendete Literatur

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