sensitizing concepts

 

(= s.c.) [engl.] sensibilisierende Konzepte; [lat. sentire empfinden], [FSE, SOZ], der Ansatz der s.c. geht ursprünglich auf Herbert Blumer (1954) zurück (Strübing, 2004). Dieser kritisierte das damals in der empir. Sozialforschung vorherrschende normative Paradigma, das maßgeblich auf Talcott Parsons mit zurückgeht und das mit vermeintlich präzisen begrifflichen Konzepten versuchte, soziale Phänomene zu untersuchen und auch empirisch zu quantifizieren. Nach Blumer können aber die fachlichen Begriffe niemals stringent definiert werden. Sie können immer nur in einer offenen, heuristischen Form (Heuristik) verwendet werden, die eine Sensibilisierung auf jew. unterschiedliche sinnhafte Verwendungsweisen ermöglicht. Blumers Kritik rückt damit in einen engen Zusammenhang mit den Arbeiten von Harold Garfinkel, der ebenfalls das normative Paradigma kritisierte i. R. seiner Entwicklung der Ethnomethodologie und der konversationsanalytischen Pointierung des Konzepts der Indexikalität (Kruse, 2009b): So stellt der Ansatz, begriffliche Konzepte aufgrund deren grundsätzlich fehlender definitorischer Exaktheit immer nur in sensibilisierender Weise zu verwenden, nichts anderes als die Anerkennung der Indexikalität aller Begriffe dar. Damit stellen nicht nur in einem disziplinären Sinne Fachbegriffe lediglich s.c. dar. Aufgrund der Indexikalität menschlicher Sprache und Kommunikation haben alle begrifflichen Konzepte lediglich sensibilisierenden Charakter. Dies ist vermutlich auch der Grund dafür, warum der Ansatz der s.c. vor allem in der qualitativen Sozialforschung inzw. einen hohen Stellenwert besitzt (Strübing, 2004, van den Hoonaard, 1997). So übernimmt Anselm Strauss, Schüler von Herbert Blumer, den Ansatz der s.c. in seiner Fassung der Grounded Theory, die er nach der Trennung von Barney Glaser mit Juliet Corbin weiter ausarbeitet (Strübing, 2004). Das Konzept der theoretischen Sensibilität (theoretical sensitivity), das von Barney Glaser begründet wurde und auf das sich auch Anselm Strauss und Juliet Corbin in ihrer Grounded-Theory-Methodology beziehen und das sie forschungspraktisch weiterentwickeln (Kruse, 2009b; Strübing, 2004), steht somit ebenfalls in unterschiedlichen Entwicklungszusammenhängen mit dem Ansatz der s.c. Bei Strauss und Corbin (1996) steht dabei dann die Auseinandersetzung mit der Art und Weise des Umgangs mit Literatur, (theoretischem) Vorwissen und den eigenen begrifflichen Konzepten der Sozialforschenden im Mittelpunkt, wie dieser keinen erkenntnisdeterminierenden Charakter erhält, sondern eine lediglich tentative, heuristische und somit sensibilisierende Funktion aufweist – i. S. der Eröffnung, nicht des überprüfenden Abschließens von Erkenntnisprozessen. Der Ansatz der s.c. steht damit auch wiederum in einem engen Zusammenhang mit dem Problem des Fremdverstehens.

Referenzen und vertiefende Literatur

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