Sexualität

 

(= S.) [engl. sexuality; lat. sexus Geschlecht], [EM, BIO, SOZ], primäres Motiv menschlichen Verhaltens. (1) Def. nach biol., reproduktivem, instrumentellem Zweck: Handlungen und Reaktionen, die der Fortpflanzung dienen. (2) Psychoanalytische Def. (Psychoanalyse): S. bzw. sexuelle Befriedigung (Libido) wird als zentrales Thema menschlichen Erlebens und Verhaltens angesehen. Entspr. enthalten alle Erlebens- und Verhaltensweisen, die der Lustbefriedigung dienen, eine sexuelle Komponente. (3) Empirische Def.: Verhalten, das mit einer Erregung der Sexualorgane in Zus.hang steht. Essenzialistische Theorien zur S. fokussieren die Beziehung zw. der biol. Basis und Erscheinungsformen indiv. sexuellen Erlebens und Verhaltens (sexual naturesex), konstruktivistische Theorien beziehen in bes. Maße psychosoziale, gesellschaftliche und kult. Aspekte mit ein (sexual culturegender). Das Dual Control Model der S. (Bancroft et al., 2009) integriert indiv. differierende sexuell hemmende und erregende physiol. Prozesse, verhaltensrelevante Präferenzen (indiv. sexuelle Neigungen) sowie soziokult. Beutungsaspekte der S. Entwicklungspsychol. ist insbes. (neben Entwicklung, psychosexueller Ansatz nach Freud) das Konzept eines sexuellen Skripts, das kognitive Schemata zu Erfahrungen, Einstellungen und Erfahrungen mit S. enthält, von Bedeutung. Dieses best. und reguliert die Verarbeitung sexueller Reize und enthält indiv. sexuelle Verhaltens- und Handlungspläne. Die Fähigkeit zur Bindung, Geschlechtsidentität (Entwicklung der Geschlechtsidentität), Geschlechtsrollen (Geschlechtsrollen-Selbstkonzept) werden hierdurch ebenfalls mit determiniert bzw. sind Bestandteil des Skripts. Dieses Skript entwickelt sich im Lebensverlauf aufgrund von zw.menschlichen und insbes. sexuellen Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind zudem prägend für Merkmale des Skripts. Aus psychoanalytischer Perspektive unterscheidet Lichtenberg (2007) fünf motivationale Aspekte der S.: (1) Befriedigung physiol. Bedürfnisse; (2) Bindung und Vebundenheit; (3) Exploration und Selbstbehauptung; (4) aversive Reaktion durch Widerspruch/Rückzug; (5) sinnliches Vergnügen und sexuelle Befriedigung. Durch die Verbreitung zuverlässiger Verhütungsmethoden und veränderter gesellschaftlicher Werte und Normen ist der Umgang mit der S. weniger durch den repoduktiven Aspekt und zunehmend durch Aspekte der Bedeutung für die indiv. Lebensgestaltung bzw. Entwicklung der Persönlichkeit und Identität, der Bedeutung der S. für die Partnerschaft sowie dem Umgang mit Formen der S., die nicht klassischen gesellschaftlichen Normvorstellungen entsprechen, dominiert (Homosexualität, Transsexualität, Pädosexualität). Die Zufriedenheit mit der S. bzw. die Entstehung sexueller Probleme wird maßgeblich durch folg. Aspekte bedingt (Strauß et al., 2012, 654): «Gefühl der Sicherheit, Sich-Fallen-Lassen-Können; Erwartungen an die S.; Kommunikation über S.; Missverständnisse und Informationsdefizite; ungünstige Umstände, Zeitmangel; Schwangerschaftsängste; Angst vor Geschlechtskrankheiten; Selbstsicherheit und Stimmung; Beziehungsprobleme; Adaptation an Veränderungen der Beziehung». Diagn. Instrumente, die zur Erfassung von Aspekten der S. eingesetzt werden, sind im Verzeichnis diagn. Verfahren im Index aufgeführt.

Das psychosomatische Modell der S. des Menschen (s. Abb.) beschreibt den komplexen Zus.hang zw. physiol. (insbes. hormonellen, biochemischen) und psychol. Prozessen (Kognition, Angst, Erwartungen). Dies verdeutlicht insbes., dass bei der Therapie von Sexualstörungen i. d. R. ein multimodaler Ansatz berücksichtigt werden muss, der die wechseitige Beeinflussung körperlicher, indiv. und interaktiv-kommunikativer psychol. Aspekte berücksichtigt.

Der Verlauf des Sexualakts wird in vier Phasen unterteilt, die situativ, indiv. und insbes. in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedlich zeitlich ausgedehnt sind: Erregungsphase (schnelles Ansteigen des Erregungsniveaus), Plateauphase (anhaltendes hohes Errregungsniveau), Orgasmusphase (schneller zusätzlicher Anstieg und Abfall des Erregungsniveaus), Rückbildungsphase.

Referenzen und vertiefende Literatur

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