Sexualpsychologie, Sexualwissenschaft

 

(= S.) [engl. sexual psychology, sexology], [BIO, EM, PER], Originaldarstellung von F. Dorsch; Teilgebiet der Ps., das alle mit der Sexualität zus.hängenden psych. Vorgänge und Verhaltensweisen  in ihrer Verschiedenheit bei Mann und Frau und in ihrer Entwicklung sowie in ihren Erscheinungsformen zu erforschen und zu beschreiben hat. Freud wies in besonderer Weise und für die Zeit Anfang des 20. Jhd. erstmals (theoret. ausgerichtet) auf die grundlegende und über alle Lebensbereiche ausgebreitete Bedeutung der Sexualität hin. Nicht nur die «Neurosenlehre», auch die Allgemeine Ps., die Pädagogik, die Soziologie und nicht zuletzt die Geisteswissenschaften haben daraus Nutzen gezogen. Doch eine eigene S. entstand noch nicht. Der Anstoß hierfür lag in der Interessenzuwendung einzelner Ärzte, die wie P. Penta in Italien (1896) und M. Hirschfeld in Dt. (1908) mit eigenen Veröffentlichungen hervortraten. Auch Namen wie W. Fließ, R. Krafft-Ebing, M. Marcuse und A. Moll sind zu nennen. Der Begriff S. wurde 1906 durch I. Bloch geprägt und als selbstständige Disziplin «vom Sexuellen, d. h., von den Erscheinungsformen und Wirkungen der Sexualität in körperlicher und geistiger, in indiv. und sozialer Beziehung» definiert. Auf zwei vorherrschende Probleme wurde dabei verwiesen: die Bedeutung des sexuellen Chemismus und die Bedeutung der sexuellen Variabilität. Ersteres mag an die Hormonforschung (Hormone) jener Zeit erinnern, während Letzteres darauf hinweist, wie die Deszendenztheorie, Eugenik, Fragen der Homosexualität und Bisexualität und der sexuellen Zwischenstufen im Vordergrund des Interesses standen. S. war jener Zeit das indiv. sexuelle Erleben wohl wichtig, und auch das Streben nach einer natürlichen Sexualethik (Ethik) war wach, aber erst in der Weiterentwicklung kam es zu einer Forschung im heutigen Sinn, die auch mit modernen Forschungsmitteln (Interview, Fragebogen) das Wesen und die Erscheinungsformen der Sexualität zu klären sucht. Seit 1950 treten dazu Kongresse in Erscheinung. In den USA ist die S. wohl am stärksten von Kinsey durch dessen Tatbestandsaufnahmen (Sozialstatistik der körperlichen Vorgänge der Sexualität, Kinsey-Report) vorangetrieben worden. Als Ertrag wurde die hohe Variabilität der sexuellen Verhaltensweisen und damit auch die Häufigkeit vieler bisher als abwegig betrachteter sexueller Reizsituationen erwiesen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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