Sexualstörungen

 

(= S.) [engl. sexual disorders]; syn. sexuelle Funktionsstörungen, [KLI], umfassen versch. Beeinträchtigungen im sexuellen Erleben, Verhalten und/oder in physiol. Reaktionsweisen, die eine befriedigende sexuelle Interaktion der beteiligten Partner einschränken oder gänzlich unmöglich machen. Es wird zw. funktionellen S. (psych. bedingten Beeinträchtigungen, die auftreten, obwohl die organischen Voraussetzungen gegeben sind) und sexuelle Dysfunktionen (weitgehend oder vollst. organisch bedingten Beeinträchtigungen) differenziert. Paraphilie bez. hingegen eine Fixierung auf unübliche Sexualziele oder -objekte. S. beim Mann umfassen sexuelle Appetenzsstörungen (Unlust), Erektionsstörungen, Ejakulationsstörungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie, Genito-pelvine Schmerz-Penetrations-Störung) sowie gesteigertes sexuelles Verlangen. S. bei der Frau umfassen sex. Appentenzstörungen, sexuelle Aversion und mangelnde sexuelle Befriedigung, Erregungsstörungen und das Versagen genitaler Reaktionen, die Orgasmusstörung, Vaginismus, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, nachorgiastische Verstimmungen (z. B. Unruhe, Leere oder Traurigkeit nach dem Orgasmus) sowie gesteigertes sexuelles Verlangen.

Ätiologie: Zumeist sind S. auf psychosoziale Einflussfaktoren zurückzuführen. Überlegungen zur Entstehung psych. bedingter S. fokussieren i. d. R. auf psychol., emot. und soziale Faktoren wie allg. Gehemmtheit, Ängstlichkeit bzw. Angst (vor allem bei der Frau in Bezug auf Schwangerschaft, Schmerzen oder eigene/fremde Erwartungen), Tabuisierungen, Stimmungsproblematiken (z. B. depressive Verstimmungen) oder Stress sowie auf Lernprozesse, Lerndefizite und hinderliche Normvorstellungen. Auch beziehungsspezif. Faktoren (Abneigung gegen den Partner, allg. Beziehungsunzufriedenheit, Macht- oder Nähe-Distanz-Problematiken) können bei S. eine Rolle spielen. Aus psychodynamischer Perspektive werden versch. Ängste (z. B. Triebängste, Beziehungsängste, Gewissensängste) in der jew. Situation diskutiert. In 5–10 % der Fälle können (zusätzlich) organische Ursachen der S. angenommen werden. Dabei kommen u. a. infrage: kardiovaskuläre Erkrankungen (z. B. Herzerkrankung, koronare), neuroendokrine Störungen (z. B. Hypothyreose), neurologische Erkrankungen (z. B. multiple Sklerose), Erkrankungen des zentralen Nervensystems (z. B.Schädel-Hirn-Trauma) sowie urologische Erkrankungen. Zusätzlich sollten die Nebenwirkungen von Medikamenten sowie – bei Frauen – hormonelle Verhütungsmittel als mögliche Auslöser in Betracht gezogen werden.

Klassifikation: In den meisten Fällen werden Sexualstörungen in der ICD-10 unter F52 eingeordnet (Nicht organische sexuelle Funktionsstörungen; Klassifikation psychischer Störungen; s. Anhang I). Für die Diagnose einer S. wird typischerweise gefordert, dass die Symptome wiederholt oder ständig auftreten. Zudem wird seit dem DSM-IV das Kriterium des persönlichen Leidensdrucks genannt. Bei der differenzierten Klassifikation (exklusive Paraphilien) wird deutlich, dass die Einteilung und Beschreibung danach erfolgt, in welcher Phase der sexuellen Erregung sie auftreten (Appetenz, Erregung, Orgasmus bzw. Entspannung). Zusätzlich zu dieser inhaltlichen Beschreibung hat sich eine formale Beschreibung bewährt, welche eine Einteilung nach den Kriterien der Häufigkeit (immer oder gelegentlich), der Umstände und Bedingungen (wann bzw. wo und mit wem tritt es auf?), der bisherigen Dauer sowie des Schweregrads vornimmt. Differenzialdiagn. sollten vor allem (assoziierte) neuroendokrine Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologische Erkrankungen, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, urologische Erkrankungen sowie Medikamentennebenwirkungen ausgeschlossen werden.

Prävalenz und Verlauf: Angaben zur Verbreitung von S. sind aus versch. Gründen (wenige Untersuchungen, unterschiedliche Klassifikationen, hohe Dunkelziffer) schwierig. Überblicksarbeiten ermitteln bei Männern i. d. R. eine Prävalenz von 4–9 % bei Erektionsstörungen und bis zu 38 % bei vorzeitiger Ejakulation. Bei Frauen werden Prävalenzraten von bis zu 40 % angegeben, wobei Appetenzstörungen die häufigste Problematik darstellen. In klin. Stichproben liegen die Werte etwas höher. Bzgl. der Aufrechterhaltung werden vor allem Selbstunsicherheit, dysfunktionale Selbstverstärkungsmechanismen (Selbstverstärkung der Versagensangst; Teufelskreis) sowie die Verunsicherung des Betroffenen und des Partners genannt. Bzgl. des Verlaufs weisen Befunde darauf hin, dass zumindest bei manchen Formen der S. ohne Behandlung eine relativ große Gefahr der Chronifizierung besteht.

Diagnostik: Der diagnostische Prozess zielt darauf ab, ein möglichst umfassendes und vollständiges Bild der Problematik von S. zu erlangen sowie eine Zuordnung der Problematik nach gängigen Klassifikationssystemen vorzunehmen. Dabei können versch. Methoden zum Einsatz kommen. In Anamnese- oder Explorationsgesprächen wird zunächst allg. die Problemwahrnehmung des Pat. erfragt. Hierbei interessiert insbes., wie sich das aktuelle Problem äußert, wodurch es ausgelöst wird, welche konkreten eigenen Verhaltensweisen bzw. welche Verhaltensweisen des/r Partners/in daraus resultieren (funktionale Verhaltensanalyse), welche Kognitionen und Emotionen vorwiegend auftreten, welche körperlichen Reaktionen auftreten, ob es best. Bedingungen gibt, unter denen das Problem verstärkt auftritt, ob die S. schon immer bestand oder erst im Verlauf der Partnerschaft oder seit einem best. Ereignis auftritt (Unterscheidung von primärer und sekundärer Sexualstörung) sowie ob sie ständig vorhanden oder abhängig von best. Gegebenheiten (z. B. Stress, Arbeitsbelastung), Partnern oder Praktiken ist. Des Weiteren werden auch Aspekte erfasst, die sich nicht unmittelbar auf die vorliegende S. beziehen, wie z. B. die allg. Einstellung zu Sexualität (einschliesslich eigener sexueller Normen), des eigenen Körpers oder der Partnerschaft. Und auch eine ausführliche Anamnese der früheren Sexualität (in versch. Partnerschaften, Veränderung der persönlichen Sexualität in der Lebensgeschichte, sexuelle Aspekte in der Familie, Aspekte der erfahrenen Aufklärung, Umgang mit dem eigenen Körper usw.) kann zielführend sein. Neben Interviewverfahren kann der Einsatz von Fragebögen als gute Ergänzung betrachtet werden. Des Weiteren können diese eher subj. und auf Selbstwahrnehmung basierenden Verfahren von psychophysiol. Methoden (z. B. Messung der vaginalen Durchblutung oder der Erektionsstärke) und weiteren med. Abklärungen (Bestimmung des Hormonstatus, Ausschluss körperlicher Krankheiten, Anomalien und Medikamentengebrauch) flankiert werden. Zudem sollte das potenzielle Vorliegen anderer psych. Störungen (z. B. Depression, Angststörungen, Somatoforme Störungen) berücksichtigt werden. Auch ein Einbezug des/r Partners/in kann zielführend sein (Paartherapie). Prinzipiell muss beachtet werden, dass es Betroffenen nicht unbedingt leicht fällt, die Problematik offen anzusprechen und dass daher eine vertrauensvolle Therapiebeziehung eine dringend notwendige Voraussetzung darstellt. Sexualstörungen, Psychotherapie, Sexualstörungen, Psychopharmakotherapie.

Referenzen und vertiefende Literatur

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