Sinnesfunktionen

 

(= S.) [engl. sensory funtions], [KOG, WA], Bez. für die den Sinnesorgane zukommenden Funktionen der Aufnahme, Verarbeitung und Umwandlung der Sinnesreize in Empfindungen und Wahrnehmungen, wobei sechs Funktionsbereiche zu unterscheiden sind: optische, akustische, taktile (= Tastsinn) und olfaktorische (= Geruchs-)Wahrnehmung, Geschmacks-, Körper- und Gleichgewichtswahrnehmung. Zusätzlich wird der Bereich der Geschicklichkeit miteinbezogen. Die Untersuchung der S. stellt einen umfassenden Teil der psychol. Forschung dar, weil einerseits die grundlegenden Mechanismen der S. von Interesse sind und damit die Basis für die Struktur unserer Wahrnehmungswelt gegeben ist. Andererseits sind die interindiv. Unterschiede, die bei den S. zu beobachten sind, für diagn. Zwecke (Selektion und Intervention) von Bedeutung. Die physiol. Grundlagen der S. werden in der Sinnesphysiologie untersucht. Das subj. Erleben ist Gegenstand der Psychophysik. Innerhalb der Psychotechnik wurden v. a. zahlreiche Anordnungen und Verhaltensstichproben zur Prüfung der S. entwickelt, die oft Vorläufer für die heute computergestützten apparativen Verfahren darstellen. Zur Bestimmung versch. Parameter der visuellen Wahrnehmung wurde das Augenmaß durch Schätzen und Vergleichen von Längen, Breiten etc. ermittelt. Auch mechanisch-apparative Verfahren wie z. B. Mikrometer und Winkeleinstellvorrichtungen wurden verwendet (Schraubenvergleichstest, Streckenteiler). Das visuelle System beinhaltet eine Reihe eigenständiger Kategorien wie z. B. Helligkeits-, Form-, Bewegungs- und Farbwahrnehmungen, die in ursprünglich einfachen Anordnungen geprüft wurden, heute mittels standardisierter apparativer Verfahren der Ophthalmologie erfasst werden. Komplexere Qualitäten des visuellen Systems wie z. B. Gestaltauffassung oder räumliches Vorstellungsvermögen, die früher mit Wabentests, Würfelaufgaben, Zeichnen von Schnitten etc. operationalisiert wurden, sind heute immer noch Gegenstand von Untersuchungen.

Bei der Überprüfung der akustischen Wahrnehmung sind nicht standardisierte Verfahren durch audiometrische Verfahren ersetzt worden (Audiometrie). Zur Überprüfung des Tastsinns wurden einfache Apparaturen verwendet, wie z. B. ein Gerät, bei dem min. Niveauunterschiede von Zylindern erkannt werden mussten. Bereits Binet hatte das Verfahren zum Vergleich von Gewichten vorgeschlagen. Umfangreiche Analysen wurden durch die Psychotechnik für die Analyse von Arbeitstätigkeiten vorgenommen. Dabei wurden nicht nur Bewegungsstudien konstruiert, sondern auch Lageprüfungen zur kinästhetischen Empfindung bei Winkeleinstellungen des Armes, des Rumpfes und der Beine durchgeführt. Derartige Bewegungsanalysen können heute mit telemetrischen Anordnungen durchgeführt werden, die den gesamten Bewegungsablauf bei komplexen Tätigkeiten (z. B. Beförderung eines Servierwagens im Flugzeug) simultan mithilfe computerisierter Simulationstechniken erfassen. Der Bereich der Geschicklichkeit wurde in der Psychotechnik untersucht. Zahlreiche Verfahren zum Handgeschick (Handgeschicklichkeit), zur Handkraft und zur Impulsgebung der Hand (Dynamometer, Ergograf, Klopftest, Aktionsprüfer, Tremometer) sind heute im Bereich der Psychomotorik weiterentwickelt worden. Von bes. Interesse für diagn. Fragestellungen war die Koordination von Auge und Händen (Support-Apparaturen, Zweihandprüfer, Drahtbiegeprobe). Für bes. berufliche Anforderungen wurde die Anfälligkeit für den Drehschwindel (Drehstuhlversuch) untersucht. Die Qualität der S. ist Voraussetzung für höhere kogn. Leistungen und somit auch in die Intelligenzmessung (Intelligenzfaktoren, Intelligenztests) und die Strukturbestimmung der Psychomotorik einbezogen.