situation awareness

 

(= s. a.) [engl.] Situationsbewusstsein, syn. situational awareness, [KOG]. Der Begriff s.a. wurde ursprünglich genutzt, um die Resultate von Übungsflügen von Piloten zu erklären sowie um überdurchschnittlich erfolgreiche von durchschnittlichen Piloten zu unterscheiden. Vereinfacht kann von zwei s. a.-Perspektiven in der Human-Factors-Forschung gesprochen werden: (1) Die Informationsverarbeitungsperspektive (z. B. Endsley, 2000) geht von drei s. a.-Ebenen aus. S. a. ist demnach die Fähigkeit, in einem best. Zeit-Raum-Fenster relevante Informationen in der Umwelt wahrzunehmen (Level 1 s. a. – Perception), diese Informationen adäquat zu beurteilen (level 2 s. a. – comprehension) und auf Grundlage dieser momentanen Situationsbeurteilung zukünftige Situationsentwicklungen zu prognostizieren (level 3 s. a. – projection). S. a. wird als Produkt der Informationsgewinnung definiert, während der Prozess der Informationsaufnahme und -verarbeitung als s. assessment bezeichnet wird. (2) Die Neo-Gibsonianische Perspektive (z. B. Adams et al., 1995) hingegen definiert s. a. in der Tradition von Gibson als Prozess und Produkt. Als Produkt ist s. a. hiernach das momentan aktive Schema, das den konzeptionellen Rahmen oder Kontext liefert, der die Selektion und Interpretation von Ereignissen leitet. Als Prozess ist s.a. der momentane Zustand des perzeptuellen Zyklus zu einem best. Zeitpunkt. S. a. als Produkt und Prozess ist demnach ein sich wechselseitig beeinflussender Zyklus. Abgrenzung zu anderen Konstrukten: Endsley sieht s. a. als ein eigenständiges Modul der Informationsverarbeitung, das dem Entscheidungsfindungsprozess (Entscheiden) und dem daraus resultierenden Verhalten vorgeschaltet ist. Carretta et al. (1996) gehen hingegen davon aus, dass Informationsverarbeitung, Vorhersage zukünftiger Ereignisse, Entscheidungsfindung und tatsächliches Verhalten Bestandteile von s. a. sind. S. a. ist demnach ein Metakonstrukt für mehrere Module und kein eigenständiges Modul. Mehrere Konstrukte der Kognitiven Psychologie wie Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, mentales Modell, Schemata und chunks werden als konstituierende Substrukturen von s. a. angesehen. Expertise bzw. Leistungsexzellenz (Expertenwissen) sowie mentale Arbeitsbelastung beeinflussen s. a. Messinstrumente: S. a. wird vornehmlich anhand dreier Strategien gemessen. Am häufigsten werden Performanzmaße (task performance) verwendet, gefolgt von Gedächtnisproben (Gedächtnis, memory probes) und Selbst- bzw. Fremdeinschätzungen. Performanzmaße: Anhand des gezeigten Verhaltens während einer Simulationsaufgabe, z. B. Reaktionszeit, Anzahl der Fehler, Anzahl der Steuerbewegungen, wird überprüft, inwieweit ein Training oder ein verändertes Instrumenten-Display die s. a.-Leistung steigert bzw. herabsetzt. Gedächtnisproben: Gedächtnisproben sind Fragenkataloge, die während einer Simulationsaufgabe zu festgesetzten Zeitpunkten abgefragt werden. Die Simulation wird unterbrochen und der Bildschirm wird eingefroren (freeze), anschließend werden mehrere Fragen zu wichtigen Details der letzten Minuten der Simulation gestellt (z. B. Flugposition, Flughöhe, Geschwindigkeit). Dann wird die Simulationsaufgabe fortgesetzt. Subjektive Einschätzungen: Fremd- sowie Selbsteinschätzungen werden anhand von Fragebogen erhoben. Die Fremdeinschätzungen werden z. B. von Flugpsychologen, Fluglehrern oder Pilotenkollegen vorgenommen, dies entweder während oder nach einer Simulationsaufgabe. Einsatzgebiete: S. a. wird einerseits genutzt, um neue Displayoberflächen bzw. Fahrassistenzsysteme bzgl. ihrer Wahrnehmungstauglichkeit für z. B. Piloten, Fluglotsen oder Kraftfahrer zu überprüfen, andererseits um Erfolge von Trainingsmaßnahmen zu evaluieren (Trainingsevaluation).

Verwendete Literatur

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