Solidarität

 

(= S.) [engl. solidarity; lat. solidare zusammenführen, fest machen], [SOZ], umfasst unterschiedliche Verhaltensformen (Verhalten), die von Individuen oder Gruppen als hilfreich, unterstützend oder kooperativ (Kooperation) wahrgenommen werden (Thome, 1999). Solidarisches Verhalten kann unterschiedlich motiviert sein (Motivation, Motiv). Entweder gibt es ein rationales Interesse, durch das die S. mit anderen gefördert wird, oder es besteht eine soziale Kontrolle, die S. nahelegt (Gruppensolidarität). Z. B. gilt es in der spanischsprachigen Welt als hochgradig erwünscht, anderen Familienmitgliedern zu helfen (prosoziales Verhalten), wenn diese auf ein Problem gestoßen sind. Jedes Familienmitglied ist persönlich verpflichtet, sich zugunsten anderer zu engagieren. Wenn diese Verpflichtung nicht eingehalten wird, droht die Marginalisierung im Familienverband oder im Extremfall der Ausschluss. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass S. auf Einsicht beruht. In der Ziel/Erwartungstheorie von Pruitt und Kimmel (1977) wird angenommen, dass individualistisch orientierte Egoisten in sozialen Beziehungen lernen, sich kooperativ zu verhalten und auf diese Weise S. aufzubauen (sozialer Austausch). Das Ziel der Kooperation und das Vertrauen in andere sind entscheidend. Das Ziel der Kooperation wird aufgebaut, wenn die Person aufgrund früherer Misserfolge die Einsicht erwirbt, dass sie nur durch solidarisches Handeln langfristig Erfolge erzielen kann (Hedonismus, psychologischer). Das Vertrauen in die Kooperationsbereitschaft anderer baut sich z. B. dann auf, wenn die anderen bei früheren Gelegenheiten kooperativ gehandelt haben. Es kann auch durch ein Versprechen gefördert werden, solidarisch zu handeln. Ein weiterer Faktor, der S. nahelegt, ist die Konkurrenz zw. Gruppen (Lilli & Luber, 2001).

Grundsätzlich wird zw. zwei Formen der S. unterschieden: S. bei gemeinsamen Interessen (Gruppensolidarität) und S. bei unterschiedlichen Interessen (vgl. Bierhoff & Schülken, 2004). S. gegenüber Mitgliedern einer Außengruppe entspricht S. bei unterschiedlichen Interessen, die durch prosoziale Motive gekennzeichnet ist. Erklärungsansätze von S. bei unterschiedlichen Interessen umfassen Empathie, existenzielle Schuld, den Gerechte-Welt-Glauben und soziale Verantwortung. Die Bedeutung der Empathie für S. wird in der Empathie-Altruismus-Hypothese thematisiert. Existenzielle Schuldgefühle basieren auf der wahrgenommenen Verbindung zw. den persönlichen Vorteilen als Mitglied einer privilegierten Gruppe und den Nachteilen von anderen. Sie können S. in einer globalisierten Welt hervorrufen (Bierhoff, im Druck). Außerdem gilt, dass Menschen, die an eine gerechte Welt glauben, motiviert sind, ungerechtfertigt erscheinende Notlagen von anderen Personen durch solidarisches Verhalten zu mildern (vgl. Bierhoff et al., 1991; Fairness). Allerdings besteht dieser Zusammenhang nur solange, wie es realistisch erscheint, dass ein solches Verhalten zum Ziel führt, indem die Notlage aufgelöst wird. Wenn Unterstützung als aussichtslos erscheint (z. B. weil die Notlage zu groß ist), fällt der Gerechte-Welt-Glaube als Motiv der S. aus. Dann wird eine Abwertung der Opfer wahrscheinlich. Soziale Verantwortung beinhaltet das Bewusstsein normativer Verpflichtung und die Befolgung sozialer Normen der Humanität (soziale Verantwortung). In normativen sozialen Systemen kann die soziale Verantwortung solidarisches Verhalten fördern. Voraussetzung dafür ist, dass auf der Grundlage der sozialen Norm eine persönliche Norm gebildet wird, die ein Verpflichtungsgefühl beinhaltet, aktiv zu werden, um einen sozialen Missstand zu beseitigen (Bierhoff, 2010). Ein wichtiges Anwendungsfeld ist die S. unter Arbeitnehmern in der Berufs- und Arbeitswelt.

Referenzen und vertiefende Literatur

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