soziale Beziehungen

 

 (= soz. B.) [engl. social relationships], syn. interpersonale Beziehungen, [SOZ], bestehen, wenn zw. Personen ein sozialer Einfluss ausgeübt wird. Diese soz. erzeugte Stimulation wird durch die selbst erzeugte Stimulation ergänzt oder überlagert (Jones & Gerard, 1967). Die indiv. erzeugte Stimulation ist durch Pläne (Planen, Ziel), Präferenzen und Gewohnheiten der Person gekennzeichnet. In dem Zusammenspiel der beiden Stimulationsquellen kann eine unterschiedliche Gewichtung stattfinden. Generell lässt sich zw. soz. B. unterscheiden, in denen die soziale Stimulation die selbst erzeugte Stimulation dominiert, und solchen soz. B., in denen umgekehrt die selbst erzeugte Stimulation die sozial erzeugte Stimulation überwiegt. Schließlich gibt es auch soz. B., in denen beide Stimulationsquellen in etwa gleich stark ausgeprägt sind. Der erstgenannte Fall wird als reaktive Kontingenz bezeichnet. Die beteiligten Personen werden in ihrem Verhalten weitgehend durch die Reaktionsmuster der jew. anderen Person gesteuert. In diesem Fall ist die Bedeutung von indiv. Präferenzen gering, während gleichzeitig der soziale Impact hoch ist. Ein Bsp. ist eine Paniksituation. Der zweite Fall wird als Pseudokontingenz bezeichnet. Die beteiligten Personen werden in ihrem Verhalten im Wesentlichen durch eigene Pläne, Präferenzen und Gewohnheiten gesteuert, während zusätzlich noch ein schwacher sozialer Einfluss auftritt. Ein Bsp. sind Autofahrer, die die Strecke von A nach B zurücklegen und dabei auf andere Autofahrer Rücksicht nehmen. Der dritte Fall wird als wechselseitige Kontingenz benannt. Der soziale Einfluss ist gegenseitig, während die beteiligten Personen gleichzeitig indiv. Präferenzen in ihrer Verhaltenssteuerung berücksichtigen. Diese Kontingenz lässt sich als ein gegenseitiges Nehmen und Geben beschreiben. Ein Bsp. ist ein Gespräch, in dem die Gesprächspartner aufeinander eingehen und gleichzeitig ihren eigenen Standpunkt vertreten. Eine vierte Beziehungsvariante wird als asymmetrische Kontingenz bezeichnet, in der ein dominanter Partner mit einem untergeordneten Partner interagiert. Im Unterschied zu der wechselseitigen Kontingenz besteht keine gleiche, sondern eine ungleiche Machtverteilung. Ein Bsp. ist ein Gespräch über ein Thema, von dem der eine Gesprächspartner deutlich mehr versteht als der andere. Von den asymmetrischen Kontingenzen lässt sich schließlich noch eine umspringende Kontingenz abheben, in der die Dominanz des einen Partners an einem best. Punkt an den anderen übergeht. Das könnte im Bsp. eines Gesprächs dann eintreten, wenn das Thema gewechselt wird, wobei das neue Thema ein Spezialgebiet des Gesprächspartners darstellt, der im ersten Teil des Gesprächs durch das Wissen des anderen gelenkt wurde.

Soz. B. umfassen neben Nachbarn, Freunden, Ehepartnern, Familien, Verwandten auch Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehungen und Lieferanten-Kunden-Beziehungen sowie die Beziehungen von Vereinsmitgliedern und Organisationsmitgliedern untereinander. Während in kooperativen Beziehungen (Kooperation) der Austausch von pos. Konsequenzen angestrebt wird, sind Wettbewerbsbeziehungen durch Nullsummenspiele (Konflikt, sozialer, Zwei-Personen-Nullsummenspiel) gekennzeichnet, in denen der Gewinn des einen den Verlust des anderen darstellt. Schließlich ist auch daran zu denken, dass eine Gruppe, deren Mitglieder untereinander kooperieren, mit einer anderen Gruppe im Wettbewerb steht, wie das häufig bei Sportspielen anzutreffen ist. Dann sind soz. B. Intergruppenbeziehungen. Wie soz. B. gelebt werden, wird teilweise durch kult. Regeln (Kultur, Normen, soziale) bestimmt. Aber jenseits dieser kulturellen Besonderheiten (z. B. Südeuropa vs. Nordeuropa) lassen sich best. Strukturen von soz. B. nennen, die in allen menschlichen Gesellschaften unabhängig von Inhalt, Kontext oder Kultur auftreten (Fiske, 1992; Rai & Fiske, 2011).

Diese Strukturen, denen mentale Modelle entsprechen, lassen sich in Analogie zu den vier Skalenniveau der Messung beschreiben (Nominal-, Ordinal-, Intervall- und Ratioskala), die best. Charakteristika aufweisen (Kategorie oder Einheit, die äquivalente Elemente enthält, Rangreihe, Gleichheit und Proportionalität). Dementsprechend wird in der relational models theory (Rai & Fiske, 2011) zw. vier grundlegenden Strukturen soz. B. unterschieden: (1) Kommunales Teilen (communal sharing) unter Gleichgestellten, zw. denen nicht weiter differenziert wird. Bsp.: In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften werden in der Regel Ressourcen unter denen, die eine Einheit bilden, geteilt, wobei jedes Mitglied der Einheit die gleichen Rechte hat. (2) Autoritäts-Rangreihe (authority ranking) unter Ungleichen, die eine Hierarchie beinhaltet. Bsp.: Das Militär ist nach Rängen gestaffelt, wobei die höheren Ränge Befehlsgewalt über niedrigere Ränge ausüben. (3) Gleichheits-Passung (equality matching), bei der Reziprozität innerhalb eines angemessenen Zeitrahmens erwünscht ist. Bsp.: Austausch von Leistungen nach dem Prinzip: «Wie du mir, so ich dir.» Addition und Subtraktion werden zur Bestimmung der Gleichheit durchgeführt wie in der Feststellung: «Ich habe dich zweimal eingeladen und du hast mich nur einmal eingeladen, sodass du jetzt wieder dran bist.» (4) Marktpreisgestaltung (market pricing) bestimmt die Preise, Dividenden oder Lizenzgebühren auf der Basis von Kosten-Nutzen-Analysen (Kosten-Nutzen-Kalkulation). Bsp.: Verteilung der Belohnung auf der Grundlage der Vorleistungen, wie sie die Equity-Theorie darstellt. Obwohl Menschen in soz. B. mehrere dieser Strukturen berücksichtigen können, wird doch angenommen, dass typischerweise eine Beziehungsstruktur dominant ist. Mit soz. B. sind Verpflichtungen und moralische Motive verbunden, die für die zugrundeliegende Struktur angemessen sind. Die relational models theory nimmt an, dass die Moral in jede der vier soz. B. eingebettet ist. Bsp. ist Kommunales Teilen mit der Moral der Einheit verbunden, die die Fürsorge unter den Mitgliedern der Gruppe zur Sicherstellung des Wohlbefinden von jedem einzelnen Gruppenmitglied beinhaltet. Die Grundlage dafür ist kollektive Verantwortung (soziale Verantwortung) und die Wahrnehmung eines gemeinsamen Schicksals, die durch Gruppen-Entitativität gekennzeichnet ist (Campbell, 1958) bzw. durch Einheit der Gruppe (Hamilton & Sherman, 1996).

Mit hoher Entitativität bzw. Einheit korrespondiert das Konzept der moralischen Inklusion/Exklusion (Opotow, 1990). Das moralische Interesse richtet sich hauptsächlich auf die Mitglieder der Binnengruppe, während Mitglieder von Fremdgruppen tendenziell ausgeschlossen sind. Innerhalb der Binnengruppe wird Fürsorge und Nahrungsteilen praktiziert, während die Fremdgruppe überwiegend Desinteresse hervorruft. In der Struktur der Gleichheits-Passung wird die Moral der Gleichheit verwendet, die auf Ausbalancierung und Reziprozität aufgebaut ist. Die Betonung liegt auf Gleichverteilung und nicht auf der absoluten Menge der Ressource, die jemand erhält. I. d. R. soll die «Rückzahlung» in der gleichen «Münze» erfolgen wie die Vorleistung. Im Kontext von Kooperation und Wettbewerb hat sich die Tit-for-tat-Regel bewährt, die für die Gleichheits-Passung wie geschaffen ist (Bierhoff & Jonas, 2011). Nach dieser Regel wird im ersten Zug eine kooperative Handlung ausgeführt. In den weiteren Zügen wird die kooperative oder nichtkooperative Wahl des Gegenübers imitiert. Die Regel der Reziprozität (Altruismus, rezipoker) gilt in unterschiedlichen Kulturen gleichermaßen (Bierhoff, 2010).

Soz. B. variieren in der Nähe, die sie auszeichnet. Das gilt für Partnerbeziehungen genauso wie für Freundschafts-, Eltern-Kind- oder Intergruppenbeziehungen. Die Nähe variiert auf drei Dimensionen (Berscheid et al., 1989): Umfang der gemeinsam verbrachten Zeit innerhalb eines best. Zeitraums (eine Woche oder ein Monat), Anzahl der gemeinsamen Aktivitäten (wie Fernsehen, Restaurantbesuch) und wahrgenommener Einfluss in versch. Bereichen (Werte oder Zukunftsdenken). Diese drei Dimensionen erfassen Häufigkeit, Vielfältigkeit und Stärke von soz. B., die sich durch den Relationship Closeness Inventory (RCI) messen lassen. Da die drei Dimensionen i. d. R. pos. zusammenhängen, kann auch ein Gesamtindex der Beziehungsnähe gebildet werden.

 

Referenzen und vertiefende Literatur

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