soziale Dominanz

 

(= soz. D.) [engl. social dominance (theory); lat. dominari herrschen], [SOZ], die Theorie der soz. D. (Pratto, 1999, Sidanius & Pratto, 1999) geht davon aus, dass alle menschlichen GesellschaftenSysteme gruppenbasierter (Gruppe) soz. Hierarchien sind, in denen die jew. dominierende Gruppe über einen disproportional großen Anteil an materiellen und symbolischen Werten verfügt.

Sie postuliert, dass sich alle Gesellschaften durch drei Hierarchiesysteme ausreichend charakterisieren lassen: (1) durch ein System der Altersgruppierung, in dem Erw. und Personen mittleren Alters disproportional mehr soz. Macht über Kinder und jüngere Erwachsene haben, (2) durch ein System der Geschlechterrollen, in dem Männer disproportional mehr soz. und polit. Macht haben als Frauen, und (3) durch ein drittes System (arbitrary-set system), das jeweils gesellschaftsspezif. durch sozial konstruierte Gruppen definiert wird, deren Mitglieder bes. einflussreich sind (z. B. aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer best. nationalen, religiösen, polit. oder ökonomischen Mitgliedschaft).

Die indiv. Ausprägung der soz. D. wird als soz. Dominanzorientierung (SDO) bez. und ist zentraler Bestandteil einer der drei Grundannahmen der Theorie, wonach indiv. psychol. Prozesse mit institutionalisierten Formen der Diskriminierung und der soz. Struktur in der Weise verknüpft werden, als dass angenommen wird, dass es eine menschliche Prädisposition gibt, gruppenbasierte Hierarchien zu bilden. In einer weiteren Grundannahme wird postuliert, dass das dritte System (arbitrary-set system) nur in solchen Gesellschaften entsteht, die über ein lang anhaltendes ökonomisches Wachstum verfügen. Mithilfe der dritten Grundannahme erfolgt eine Art Dynamisierung der Theorie, denn es wird angenommen, dass es sowohl hierarchieverstärkende wie hierarchieminimierende Kräfte innerhalb einer Gesellschaft gibt, die mehr bzw. weniger soz. Gleichheit produzieren.

Die Vermittlung zw. dem indiv. Merkmal der SDO und der soz. D. im Sinne der genannten gruppenbasierten soz. Hierarchien, die als gesellschaftliche Strukturmerkmale fungieren, erfolgt über sog. «legitimierende Mythen». Dieser von den Autoren nach unserer Einschätzung nicht sehr glücklich gewählte Begriff beinhaltet v. a. moralische, polit., religiöse und soz. Vorstellungen (Überzeugungssystem) und Ideologien, die zur Stabilisierung, Rechtfertigung oder Veränderung der indiv. SDO wie der strukturellen Hierarchien beitragen können. Zu ihnen zählen u. a. Rassismus, Sexismus, religiöser Fundamentalismus, Humanismus, Sozialismus, christliche Nächstenliebe. Wird die SDO durch den Status der Gruppe, die Geschlechtszugehörigkeit, die indiv. Sozialisation und best. Persönlichkeitsmerkmale beeinflusst, so werden die gruppenbasierte soz. Hierarchien durch institutionelle und indiv. Diskriminierung stabilisiert, aber auch durch Verhaltensasymmetrien, in denen vorgeschrieben wird, wie sich Mitglieder best. Gruppen im Alltag in ihrem Verhalten gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen zu orientieren haben.

Zur Erfassung der SDO wurde von der Forschergruppe um Sidanius eine Skala der SDO entwickelt, mithilfe derer eine generelle Einstellungsorientierung gegenüber Intergruppenbeziehungen erfasst werden soll. Diese in mehreren Varianten seit 1979 entwickelte Skala liegt auch in einer dt. Variante vor (Six et al., 2001), die allerdings im Unterschied zu der eindimensionalen Ursprungsversion zweidimensional ist. Zu den wichtigsten Ergebnissen i. R. der Theorie der soz. D. zählt u. a. die Bestätigung der sog. Subordinate-Male Target Hypothese (SMTH), wonach Männer aus Minoritätengruppen mehr als Frauen aus ebendiesen Gruppen Opfer von Aggressionen und Diskriminierungen werden. Ein weiterer wichtiger Befund, der sich auch interkult. als stabil erwiesen hat, ist die Bestätigung der sog. Invarianz-Hypothese, nach der Männer ein höheres Maß an SDO aufweisen als Frauen. In einem anspruchsvollen, inzw. auch empir. überprüften Modell hat Duckitt (2001) mit seiner kognitiv-motivationalen Zwei-Prozess-Theorie der Ideologie und Vorurteile und Right-Wing Authoritarianism (RWA) als zentrale Determinanten der Einstellungen und Vorurteile gegenüber Minoritäten und Majoritäten ermittelt.

Referenzen und vertiefende Literatur

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