sozialer Austausch

 

(= soz. A.) [engl. social exchange], [SOZ, WIR], findet zw. den Beteiligten einer Interaktion statt, indem Handlung und die damit verbundenen Konsequenzen in die Beziehung eingebracht werden. Soz.A. erzeugt i. d. R. eine wechselseitige Abhängigkeit der Beteiligten (= Interdependenz), da die Ergebnisse, die eine Person bei einem Austausch erzielen kann, auch von dem Verhalten der Interaktionspartner abhängig sind. Die Abhängigkeit kann aber auch einseitig sein. Die Bewertung des Austauschergebnisses ist durch Belohnungen und Kosten (Kosten-Nutzen-Kalkulation) bestimmt, die das Individuum aus der Interaktion erwartet. Aus der Differenz von Belohnungen und Kosten resultiert das Nettoergebnis. I. R. des soz. A. wird angenommen, dass jeder der Interaktionspartner eine Maximierung seiner positiven Konsequenzen und eine Minimierung seiner negativen Konsequenzen anstrebt. Hierin zeigt sich eine Verbindung zum Prinzip des Hedonismus. Es liegen versch. austauschtheoret. Ansätze vor, die im Wesentlichen auf den austauschtheoret. Annahmen von Homans (1961) und Thibaut & Kelley (1959) basieren. Letztere gehen davon aus, dass Zufriedenheit entsteht, wenn ein Nettoergebnis das Vergleichsniveau (comparison level) übersteigt, das auf der Zusammenfassung der Ergebnisse vorangegangener Interaktionen in demselben Kontext basiert. Ferner wird die Bewertung der Interaktion von dem Vergleichsniveau für Alternativen (comparison level for alternatives) bestimmt. Je deutlicher das Vergleichsniveau für Alternativen unter dem aktuellen Nettoergebnis liegt, desto höher ist die Abhängigkeit von der aktuellen Beziehung. Diese Abhängigkeit erhöht die Beziehungsstabilität. Die erwarteten Konsequenzen der Interaktion wird als Matrix dargestellt. Im einfachsten Fall handelt es sich um eine 2-x-2-Matrix, in der zwei Handlungsalternativen der Akteure A und B dargestellt werden.

Die Frage der distributiven Fairness wird ausführlich in der Austauschtheorie von Homans (1961) analysiert. Dieser Ansatz wurde in der Equity-Theorie (Fairness) weiterentwickelt. Das Investitionsmodell (Rusbult, 1980) stellt eine Weiterentwicklung der Austauschtheorie von Thibaut & Kelley (1959) dar. Es berücksichtigt zur Erklärung der Zufriedenheit neben Belohnungen und Kosten das Vergleichsniveau der Personen. Es wird angenommen, dass die Beziehungszufriedenheit umso größer ist, je deutlicher die Nettoergebnisse das übersteigen, was man für sich erwartet. Außerdem wird postuliert, dass das Erleben von Beziehungszufriedenheit eine zentrale Einflussgröße für die Stabilität der Beziehung darstellt. Diese wird durch das Commitment vorhergesagt. Neben der Beziehungszufriedenheit wird das Commitment aber auch durch Investititionen und wahrgenommene Alternativen bestimmt. Da die Zufriedenheit und die Investitionen pos. Determinanten des Commitments sind und die Alternativen eine neg. Determinante darstellen, ergibt sich folg. Grundgleichung:

Commitment = Zufriedenheit – Alternativen + Investitionen.

Was die Varianzaufklärung des Commitments angeht, ergibt eine Metaanalyse, dass Zufriedenheit, Alternativen und Investitionen 61% des Commitments erklären, wobei die Beziehungszufriedenheit die höchste Bedeutung aufweist (Le & Agnew, 2003). Es ist noch anzumerken, dass das Commitment an eine soz. Beziehung durch das Investitionsmodell tendenziell besser erklärt wird als das Commitment an den Beruf bzw. den Arbeitsplatz.

Die akt. Fassung der Austauschtheorie wird Interdependenztheorie genannt (Kelley et al., 2003; Kelley & Thibaut, 1978). Ein wichtiger Erkenntnisfortschritt besteht darin, dass die «wahren» Determinanten der Entscheidung zw. zwei soz. Handlungsalternativen nicht in den indiv. Nettoergebnissen gesehen werden (wie bei Homans, 1961; Thibaut & Kelley, 1959), sondern in deren Transformation nach best. Normen oder interpersonellen Orientierungen. Denn die soz. Situation wird durch die Person so interpretiert, wie es durch ihre Zielsetzung (Ziele) bestimmt wird. Vielen Personen geht es in der soz. Interaktion nicht darum, ihre Gewinne zu maximieren und ihre Verluste zu minimieren (psychol. Hedonismus), sondern darum, Kooperation zu fördern. Schließlich kann auch ein Streben nach Gleichheit auftreten, das der Fairness entspricht. Weitere Anwendungen der Interdependenztheorie werden von Frey & Bierhoff (2011) dargestellt. Diese beziehen sich u. a. auf die Analyse soz. Konflikte, wie sie durch das Gefangenendilemmaspiel (prisoner-dilemma game) dargestellt werden, und auf die Arbeitsteilung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, wie sie in der Prinzipal-Agent-Theorie analysiert wird.

Referenzen und vertiefende Literatur

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