soziales Verständnis

 

(= soz. V.) [engl. social understanding], [DIA, KOG, PER, SOZ], Fähigkeit, soz. Informationen vor dem Hintergrund der gegebenen Situation korrekt zu verstehen und deren Implikationen richtig einzuschätzen. In der ursprünglichen Def. von soz. Intelligenz als der Fähigkeit, andere zu verstehen und zu managen und sich in menschlichen Beziehungen weise zu verhalten (to understand and manage other people, and to act wisely in human relations, Thorndike, 1920), stellt soz. V. bereits den zentralen kogn. (Kognition) Fähigkeitsbereich dar. Synonym verwendete Begriffe sind u. a. soz. Urteilsfähigkeit (Wedeck, 1947), soz. Einsicht (Vernon, 1933), Fähigkeit zur Rollenübernahme (Feffer, 1959), kogn. Empathie (Perspektivenübernahme; Davis, 1994) und Dekodierungsfähigkeit soz. Informationen (Barnes & Sternberg, 1989). Auch der Begriff soziale Wahrnehmung (social perception) wird verschiedentlich syn. zu soz.V. verwendet. Dieser Gebrauch ist allerdings nicht adäquat, da soz. Wahrnehmung die Fähigkeit ist, soz. Hinweisreize (cue) zu erkennen. Im Unterschied zu soz. V. sind interpretatorische oder schlussfolgernde Anforderungen (Schließen, logisches) nicht enthalten (Weis, Seidel & Süß 2006). Überlappungen gibt es auch zur Theory of Mind (= ToM, mentalistische Alltagspsychologie, soziale Kognition, Entwicklung, deklarativ-metakognitives Wissen, Vorläufer), welche die Entwicklung der Fähigkeit beschreibt, mentale Zustände anderer Personen repräsentieren und erschließen zu können. Die ToM wird auch zur Beschreibung psychopathologischer Störungsbilder (z. B. Schizophrenie und Autismus (Autismus-Spektrum-Störung)) verwendet (Moran, 2013). In diagn. Ansätzen zur Erfassung von soz. V. ist es Aufgabe der Testpersonen, auf Basis von Stimulusmaterialien (z. B. verbale Situationsbeschreibung, Video, Audiosequenz, Bild) auf die mentalen Zustände (z. B. Emotionen, Ziele, Beweggründe für Verhalten) von Zielpersonen zu schließen. An vielen, v. a. älteren Tests wurde kritisiert, dass nur verbales, artifizielles und/oder dekontextualisiertes Stimulusmaterial verwendet wurde (Süß et al., 2008). Aufgaben dieser Art zeigten keine oder nur geringe diskriminante Validität zu akademischen Intelligenztests. Neben Einzeltests (z. B. Social Insight Test, Chapin, 1942), sind Aufgaben zu s. V. auch in umfassenden Testbatterien zur s. Intelligenz enthalten (z. B. George Washington Social Intelligence Test),Moss et al., 1955; Four/Six Factor Test of Social Intelligence, O'Sullivan & Guilford, 19661976 und der Magdeburger Test zur sozialen Intelligenz (MTSI), Süß et al., 2008). Im MTSI wird versucht, durch Verwendung von ausschließlich realem, in den s. Kontext eingebundenem Stimulusmaterial und systemat. Variation von Situationen den oben genannten Kritikpunkten Rechnung zu tragen. Empir. konnte so ein von der allg. Intelligenz unabhängiger Faktor soz. V. aufgezeigt werden. Ein Problem bei der Diagnostik von soz.V. bleibt die Methode der Leistungsbewertung (scoring), da sich die richtige Antwort nicht wie bei Tests zur akademischen Intelligenz eindeutig erschließen lässt. Zur Verfügung stehen drei Methoden: Targetscoring (die Zielperson, d. h. die Person, deren mentaler Zustand erkannt werden soll, bestimmt die richtige Antwort), Expertenscoring (eine Gruppe von Experten bestimmt die richtige Antwort) und Konsensscoring (die Antwortverteilung in der Stichprobe bestimmt die richtige Antwort). Jede der genannten Methoden birgt Vor- und Nachteile, wobei das Konsensscoring am umstrittensten ist.

Referenzen und vertiefende Literatur

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