Soziometrie

 

(= S.) [lat. socius gemeinschaftlich; gr. μέτρον (metron) Maß], [DIA, PER, SOZ], bez. die Erhebung, Darstellung und Analyse interpersoneller Beziehungen in Gruppen und die dazugehörige empirische Forschung und Anwendung. Folgende formale Kriterien sind für die Datenqualität der Beziehungen kennzeichnend: (1) Relationalität, d. h. Wer-Wen-Daten; (2) Doppelte Identifizierung der Sender und Empfänger von interpersonellen Beziehungen; (3) Gruppenspezifität, die Beziehungen bestehen innerhalb eines Kollektivs; (4) Einschränkungsfreiheit, jedes Gruppenmitglied kann Sender und Empfänger sein (Kommunikation). Bsp.: In einem soziometrischen Test wählen alle Schüler jene aus der Klasse, die sie als Sitznachbarn wünschen. Diese Wahlen kann man dann im Soziogramm (grafische Darstellung der Wahlen in einem Netzwerk, Personen als Symbole, Wahlen als Pfeile) bzw. in einer Tab. (Soziomatrix, Personen als Wähler und Gewählte in identischer Reihenfolge an den Rändern abgetragen, Wahlen als 1, Nichtwahl als 0) darstellen. Zur Analyse des Netzwerkes können Indizes gebildet werden. Der bekannteste Index ist der soziometrische Status (z. B. Anzahl der erhaltenen Wahlen). Unzählige Varianten der Erhebung, der Erhebungskriterien (z. B. Sympathie, Antipathie, Tüchtigkeit, Beobachtungen), der Darstellungsformen (z. B. Rangsoziogramm, Zielscheibensoziogramm) und Analysetechniken (z. B. Matrixmultiplikation, matrix rearrangement, graphentheoretische Auswertungen) sind möglich.

Die Erfindung der klass. S. wurde dem Psychiater Jacob Levy Moreno zugeschrieben – allerdings gab es zahlreiche Studien vorher, die solche Verfahren eingesetzt haben, z. B. Delitzsch. Moreno ist singulär mit seiner Idee, die soziometrischen Wahlen zur Umstrukturierung der Gruppe bzw. von formalen Strukturen (Ersetzung der Oberflächenstruktur durch die Tiefenstruktur, d. h. im Bsp.: Veränderung der Sitzordnung nach den Sitznachbarwahlen) einzusetzen. In der modernen S., für die der Name Netzwerkforschung häufiger verwendet wird, verzichtet man oft auf das Vorliegen der Datenkriterien Gruppenspezifität und Einschränkungsfreiheit. Bsp.: Individualsoziogramme stellen Netzwerke nur aus der Sicht eines Individuums dar, Netzwerke elektronischer Kontakte sprengen die Grenzen definierter Kollektive, zwangsläufig kann eine doppelte Identifizierung nicht vorgenommen werden. Netzwerke haben in vielen Bereichen eine empir. gesicherte, große Bedeutung: Kommunikation, Mobbing, Leistung und Arbeit in Gruppen, Schulklassenstrukturen, Fremdenfeindlichkeit, Integration, Sozialisationsforschung.

Soziometr. Techniken sind zunächst Diagnose- und Forschungsinstrumente. Sie können aber auch in der praktischen Arbeit eingesetzt werden: (1) als Lern- und Fortbildungsgegenstand in Schule, Arbeit und Therapie. (2) Als Grundlage sozialer Lernprozesse kann die Rückmeldung von anonym erhobenen soziometr. Daten dienen. (3) Probleme der optimalen Gruppierung, der Zusammenarbeit von Menschen in Gruppen, können mithilfe soziometrischer Daten und entspr. Algorithmen systematisch gelöst werden. (4) Ergebnisse soziometrischer Untersuchungen, z. B. des peer-ratings zur Leistung von Mitarbeitern, können als Grundlage und Ergänzung von Beurteilungen bei Selektionsentscheidungen benutzt werden. (5) Zur Begründung und Evaluation sozialerzieherischer Maßnahmen bzw. Programme (z. B. der Integration von Ausländern in Arbeitsgruppen oder zur Verminderung von Mobbing, bossing, bullying) (6) Die Verwirklichung informeller Strukturen (i. S. von Moreno) auf der Basis soziometrischer Beziehungen kann z. B. bei der Bestimmung der Zusammensetzung von Klassen und Kursen, von Arbeits- und Projektgruppen, Reparaturtrupps oder Pflegeteams angewendet werden. (7) Schließlich dienen soziometr. Daten Lehrkräften, Gruppenleitern und Therapeuten auch zur Kontrolle der Genauigkeit ihrer sozialen Beziehungswahrnehmungen. soziales Netz, soziales Netzwerk.

Referenzen und vertiefende Literatur

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