sprachliche Verständigung

 

[engl. linguistic/verbal communication], [KOG, SOZ], bezieht sich auf die Situation der dialogischen Kommunikation und markiert die Qualität expliziter Übereinstimmung in Weltwissen und gegenseitigen Partnermodellen. Dementsprechend ist das eher rezeptive Verstehen von Sprache lediglich als Vorstufe von Verständigung anzusetzen. Wegen der Komplexität natürlicher Sprachen bietet ein solches Verstehen keine Sicherheit vor dialogischem Missverstehen. Das betrifft nicht zuletzt interkult. Unterschiede (interkulturelle Kommunikation), die durch den Einfluss der Sprache auf das Denken zustande kommen. Zugleich kann dieser Einfluss aber auch gemeinsame (wenn auch nicht unbedingt realitätsadäquate) Weltsichten befördern, z. B. durch Stereotype, dispositionelle Eigenschaftsbegriffe mit einem Bias in Richtung auf internale Attribution. Eine implizite Form von Verständigung liegt bei interaktivem Verstehen vor, das v. a. durch Sprechhandlungskonventionen gesteuert wird. Ein paradigmatisches Beispiel sind indirekte Sprechakte (Sprechakttheorie), bei denen die grammatische Satzform nicht mit der illokutiven Sprecherintention übereinstimmt (z. B. die Frage: «Kannst du mir die Butter geben?» als Bitte oder Aufforderung). Das adäquate Verstehen der sprecherseitigen Intention wird dabei vor allem durch den Kontext ermöglicht, der z. B. darüber entscheidet, ob eine Äußerung («Ich werde dir helfen!») als Versprechen oder als Drohung gemeint ist. Eine gemeinsame Weltsicht kommt hier durch adressatenorientiertes Sprechen auf Senderseite und Perspektivenübernahme auf Hörerseite zustande. Den Rahmen stellen die Konversationsmaximen (Grice, 1975) der Qualität, Quantität, Relevanz etc. dar. Im Zweifelsfall sind allerdings explizite Einigungsbemühungen in Bezug auf das gegenseitige Verstehen nötig. Solche expliziten Verständigungformen bestehen zunächst einmal aus zustimmenden Verstehenssignalen, die verbaler wie non- und paraverbaler Art sein können, also Zustimmungen wie «Ja, genau» etc., das aus der Gesprächspsychotherapie bekannte «Mmh» bis zu Mimik und Gestik. Allerdings haben diese Signale häufig vor allem die Funktion, soziale Akzeptanz auszudrücken und den Gesprächsfluss aufrechtzuerhalten, weswegen sie ebenfalls Missverständnisse nicht mit Sicherheit ausschließen können. Deshalb werden im Fall von Verständigungsproblemen dialogische Reparationsanstrengungen eingesetzt, z. B. Paraphrasierung des vom Gegenüber Gemeinten, Einigung über Wortbedeutungen und, über Sprechhandlungsabsichten (Illokutionen), im Extremfall sogar Absprachen zu umfassenden Weltbildannahmen und Werthaltungen. Hier spielt die Bereitschaft und Fähigkeit zur Metakommunikation eine (noch unzureichend erforschte) wichtige Rolle. In dem Moment, wo ein diskursiver Dissens bzw. eine strittige Frage als explizit festgestellter Ausgangspunkt vorliegt, stellt die Argumentation als komplexer Gesprächstyp den Königsweg zur interaktiven Verständigung auch im Sinn eines beide Seiten befriedigenden Interessensausgleichs dar. Auf alle Fälle setzt eine erfolgreiche interaktive Verständigung die Etablierung des sog. common ground (gemeinsames Wissen von Sprecher und Hörer: Clark & Carlson, 1981) voraus. Strittig ist dabei, ob dieses gemeinsame Wissen bereits bei der Äußerungsplanung oder erst beim Auftreten von Verständigungsproblemen berücksichtigt wird, desgleichen ob der Partnerbezug automatisiert oder bewusst kontrolliert erfolgt. Wegen der Komplexität und Flexibilität von Sprache können de facto alle konkurrierenden Modelle passende Sprachphänomene anführen, sodass auf Dauer eher zu klären ist, unter welchen Bedingungen (z. B. Zeitdruck) welches Modell besser zutrifft. Kommunikationsmodell von Watzlawick et al., Vier-Seiten-Modell der Kommunikation von Schulz von Thun.

Referenzen und vertiefende Literatur

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