Stieffamilie

 

(= S.) [engl. stepfamily; ahd. stiof beraubt, hinterblieben, verwaist], [EW, SOZ], S. entstehen, wenn mind. ein Elternteil ein leibliches Kind hat, das nicht gleichzeitig leibliches Kind dessen Partners im Haushalt ist. Häufig wird heute der Begriff Patchwork-Familie statt der Bez. S. verwendet, da S. mit neg. Stereotypen behaftet sind. Insbes. Stiefmütter werden in Märchen (Aschenputtel, Hänsel und Gretel) häufig als feindselig (Feindseligkeit) oder vernachlässigend charakterisiert. S. weisen beträchtliche Heterogenität auf. Während lange nur diejenigen Familien als S. betrachtet wurden, in denen ein (wiederverheiratetes) Ehepaar mit mind. einem Stiefkind eines Partners zus.lebt, werden heute auch nicht eheliche Lebensgemeinschaften als S. gesehen, sofern einer der Partner ein Stiefkind hat. Darüber hinaus ist zu unterscheiden zw. primären S., in denen die Partner mit dem Stiefkind bzw. den Stiefkindern in Haushaltsgemeinschaft zus.leben, und sekundären S. (auch «Wochenend-Stieffamilien»), in denen dasjenige Kind, das Stiefkind eines Partners ist, in einem anderen Haushalt lebt (i. d. R. beim anderen leiblichen Elternteil). Einfache S. sind Familien, in denen nur ein Partner ein bzw. mehrere Kinder aus einer früheren Verbindung mitgebracht hat. Hierbei kann es sich um eine Familie mit Stiefmutter oder Stiefvater handeln. In zus.gesetzten S. haben beide Partner Kinder aus früheren Verbindungen. Als komplexe oder blended S. werden S. bezeichnet, in denen auch gemeinsame Kinder des Paares geboren wurden. In diesen Familien sind die Kindschafts- und Elternschaftsverhältnisse besonders unterschiedlich bzw. komplex.

In der Vergangenheit sind S. überwiegend nach dem Tod eines Elternteils durch Wiederheirat des hinterbliebenen Elternteils entstanden. Durch den Anstieg von Trennungen und Scheidungen bilden sich S. heute überwiegend nach einer Trennung bzw. Scheidung der leiblichen Eltern, sodass Familienkonstellationen entstehen, in denen die Position eines oder beider Elternteile doppelt besetzt ist. Damit ergeben sich veränderte Anforderungen an die Kooperation in der Elternrolle (coparenting). Daten aus dem Generations and Gender Survey von 2005 lassen darauf schließen, dass 13,6% der Haushalte mit minderjährigen Kindern primäre S.haushalte sind und 10,9% der minderjährigen Kinder in Dt. mit einem Stiefelternteil zus.leben. S.-Haushalte sind nach Kernfamilien (71,5%) und Ein-Eltern-Familien (14,8%) die dritthäufigste Familienform. Überwiegend handelt es sich bei den primären S. um Stiefvaterfamilien (68,1%), da die Kinder nach einer Trennung bzw. Scheidung der Eltern überwiegend bei der leiblichen Mutter verbleiben, während Stiefmutterfamilien (27%) seltener vertreten sind und zus.gesetzte S. (4,1%) nur eine Minderheit ausmachen.

Asymmetrien in der Elternschaft, wie sie in S. gegeben sind, finden sich auch in Familien, die durch Samenspende entstanden sind. In der Forschung zu Besonderheiten solcher sog. Inseminationsfamilien werden daher S. häufig als Vergleichsgruppe herangezogen. Unterschiede bestehen allerdings insofern, als die soz. Elternschaft des nicht leiblichen Elternteils in Inseminationsfamilien schon ab Geburt des Kindes gegeben ist und gezielt gewünscht war, während sie in S. i. d. R. erst in einer späteren Entwicklungsphase des Kindes durch die Partnerschaft mit dem leiblichen Elternteil entstanden ist. Insofern ist die soz. Elternrolle in S. in stärkerem Maße auf die Vermittlung durch den leiblichen Elternteil angewiesen.

Besonderheiten von S. werden i. R. unterschiedlicher Theorien diskutiert. Während soziobiologische Modelle von einem Vorrang leiblicher Elternschaft hinsichtlich der Investitionsbereitschaft von Eltern in den Nachwuchs ausgehen und das größere Risikopotenzial für Misshandlung und Vernachlässigung durch Stiefeltern betonen, stellt die These unvollständiger Institutionalisierung heraus, dass in S. die Verwandtschaftsverhältnisse und Rollen weniger klar institutionalisiert sind. Systemisch-entwicklungsorientierte Ansätze fokussieren stärker auf die Anforderungen im Zusammenwachsen des komplexen Familiensystems mit unterschiedlicher Familiengeschichte und Vorerfahrung der beiden Partner im Umgang mit dem Stiefkind, verweisen aber auch auf Vorteile von S. gegenüber Ein-Eltern-Familien hinsichtlich der für die Kinder verfügbaren soz. und ökonomischen Ressourcen. Insges. spricht die Forschung für allenfalls moderate Nachteile von Stiefkindern gegenüber Kindern in Kernfamilien, wobei die Befundlage in Dt. für geringere Nachteile spricht, als sie in Studien aus den USA aufgezeigt wurden.

Referenzen und vertiefende Literatur

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