Stockholm-Syndrom

 

(= S.) [engl. Stockholm syndrome], syn. Identifikation mit dem Aggressor, [RF, SOZ], benannt nach den Ereignissen i. R. eines Banküberfalls mit Geiselnahme durch Jan Erik Olsson in Stockholm vom 23. bis 27. August 1973. Das S. bez. die paradox erscheinende psych. Reaktion der Entwicklung einer emotionalen Bindung, Sympathie, Verbündung und Identifikation von (ggf. traumatisierten) Gewaltopfern mit dem Gewalttäter, insbes. Geiselopfern mit dem Geiselnehmer (auch: Opfer von Kindesmissbrauch, sexuellem Missbrauch, Kriegsgefangenschaft). Ggf. unterstützt das Opfer den Täter bei der Zielerreichung und handelt entgegen Personen (z. B. Polizei), die die Befreiung anstreben. Ggf. Entwicklung von Verständnis oder Bagatellisierung der Straftat im Nachhinein. Als mögliche Ursachen werden angenommen: (1) Erhöhung der Überlebenschance: Das Opfer versucht durch Kooperation die Chance zu erhöhen, dass eine Eskalation – sowohl vonseiten des Agressors als auch der Befreier – vermieden wird. Die Herstellung einer positiven Beziehung  kann dem Ziel dienen, Sympathie oder Mitleid des Täters für das Opfer zu erzeugen (Lima-Syndrom); (2) Reduktion anhaltender Angst- und Spannungszustände: Bewältigungsreaktion zur Reduktion von Stress und zur Erhöhung des Kontrollerlebens (Kontrollwahrnehmung); (3) Reziprozität:Die Zusicherung des Aggressors, das Opfer (bei Kooperation) überleben zu lassen, erhöht die Chance der Entwicklung positiver Gefühle (Dankbarkeit) für den Aggressor; (4) Gruppenbildung und Reduktion von kognitiver Dissonanz: Das Opfer muss Handlungspraktiken des Täters mit ausführen. Notwendige Anpassungen des Verhaltens des Opfers an das Verhalten des Täters führen ggf. zu Einstellungsänderungen des Opfers; (5) Regression: Rückfall in kindliche Verhaltensmuster aufgrund der Erlebens vollständiger Abhängigkeit; (6) Einsichtsbildung und Perspektivübernahme: Opfer gewinnen Informationen, die Einsicht in die Motive des Täters ermöglichen. Beim Verständnis der Situation ist nur der Aggressor als Informationsquelle zugänglich; (7) Verstärkung: Kooperatives Verhalten führt zu positiven Effekte (pos. Verstärkung) oder dem Ausbleiben negativer Konsequenzen (neg. Verstärkung). Insges. werden die emot. Belastung und Belastbarkeit des Opfers und die Dauer der Freiheitsberaubung als wichtige Prädiktoren für die Entstehung des S. angenommen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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