Temperament

 

(= T.) [engl. temperament; lat. temperare mäßigen, mischen, temperamentum Maß], [KLI, PER], Bez. für Persönlichkeitsmerkmale, die die «drei A der Persönlichkeit» betreffen: AffektAktivierung und Aufmerksamkeit (Rothbart & Bates, 2006). Sie lassen sich schon im ersten Lebensjahr beobachten. Zusätzlich wurde vielfach angenommen (Buss & Plomin, 1975), dass sie vergleichsweise stark genetisch beeinflusst seien und sich bes. gut neurowiss. erfassen ließen («biologienah») sowie zeitlich bes. stabil seien; dies lässt sich jedoch nicht bestätigen (Asendorpf, 2011). Die erste Unterteilung in vier T. geht auf Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) zurück; er begründete damit seine Humoralpathologie (= Viersäftelehre). Danach hängt der Gesundheitszustand, das Verhalten und die Persönlichkeit des Menschen vom Mangel und Überfluss der vier Körpersäfte (gelbe u. schwarze Galle, Schleim, Blut) ab. Immanuel Kant (1724–1804) griff diese T.lehre auf und unterschied vier T.typen: Sanguiniker (= Sorglose u. Unbeständige), Melancholiker (= Menschen, die zu Weltschmerz und Niedergeschlagenheit neigen), Choleriker (= Hitzköpfe) und Phlegmatiker (= Affektarme u. Antrieblose). Diese Typenbeschreibung konnte durch wiss. Befunde nicht belegt werden und gilt als überholt. Die moderne T.forschung wurde von den Kinderpsychiatern Thomas & Chess (1980) i. R. ihrer New York Longitudinal Study (NYLS) begründet. In dieser Studie konnte man bereits bei Kleinkindern in den ersten Lebensmonaten neun T.dimensionen bestimmen: Ablenkbarkeit, Aktivität, Annährung–Rückzug, Anpassungsfähigkeit, Aufmerksamkeitsdauer, Reaktionsintensität, sensorische Empfindlichkeit, Stimmungslage und Tagesrhythmus. Unter sensorischer Empfindlichkeit wird dabei das Ausmaß von sensorischer Stimulation verstanden, das nötig ist, um wahrnehmbare Reaktionen bei einem Kind hervorzurufen. Prinzipiell bezieht sich dies auf sehr unterschiedliche Reize (visuelle, auditive, taktile; inkl. einer stark ausgeprägten Schmerzempfindlichkeit), auf die ein Kind übermäßig reagiert. Bei der NYLS wiesen 40 % der Kinder ein einfaches T. auf, das sich durch ein pos. Zugehen auf neue Reize, ein hohes Anpassungsvermögen und eine pos. Stimmungslage auszeichnet; ein gegensätzliches, schwieriges T. konnte bei 10 % der Kinder festgelegt werden. Ein langsam auftauendes T. zeigten 15 % aller Kinder, 35 % konnten diesen empirisch gefundenen Typen nicht zugeordnet werden. Das schwierige T. besitzt für die klin. Diagnostik eine große Bedeutung, da man dadurch die Entwicklung externalisierender Verhaltensstörungen (ADHS, Störungen des Sozialverhaltens) gut vorhersagen kann. Unter entwicklungspsychol. Perspektive wandte sich Kagan (Kagan et al., 1998) dem T.merkmal Behavioral Inhibition (= Verhaltenshemmung) zu, das empirisch gut gesichert und ab dem 20. Lebensmonat umfassend und gut erfassbar ist. Verhaltenshemmung zeigt sich darin, dass ein Kind auf neuartige oder Furcht auslösende Reize mit sozialem Rückzug und Angst reagiert. In Längsschnittstudien konnte man belegen, dass das T.merkmal Verhaltenshemmung Angststörungen (= Trennungsangstspezifische Phobien und soziale Phobien) vorhersagen kann. Verhaltenshemmung lässt sich durch versch. Merkmale beschreiben u. a.: herabgesetzte Risikobereitschaft, geringe Entscheidungsfreude und eine erniedrigte Erregungsschwelle im limbischen System (= genetische Basis), die dafür verantwortlich ist, schnell – auch bei einem mittleren Stressniveau – mit einer stark beschleunigten Herzfrequenz, einem Anstieg der Muskelspannung und einer starken Kortisolausschüttung zu reagieren. Dieser schnell auslösbare Zustand führt dazu, dass Informationsverarbeitungsprozesse nicht ungehindert ablaufen können, sodass es zu den für Angststörungen typischen Denk- und Handlungsblockaden kommen kann. Ein weiterer Ansatz der modernen T.forschung bietet das biol. ausgerichtete Persönlichkeitsmodell von Cloninger (1994a), bei dem von 4 Temperamentsfaktoren ausgegangen wird: Neugierde (= impulsiv, überspannt, begeistert, unordentlich), Schadensvermeidung (= besorgt, ängstlich, pessimistisch, schüchtern), Belohnungsabhängigkeit (= empfindsam, gutmütig, liebevoll, herzlich), Beharrungsvermögen (= hart arbeitend, ehrgeizig, leistungsorientiert, perfektionistisch). Cloninger def. T. als automatische emot. Reaktionsstile, die auch mit entspr. ausgearbeiteten klin. Erhebungsverfahren erfasst werden können (z. B. JTCI: Junior Temperament and Charakter Inventar). Studien zeigen, dass diese multidimensionale Klassifikation von T.merkmalen mit versch. psych. Störungen korrelieren und teilweise i. S. einer prämorbiden Persönlichkeitsstruktur in der Lage sind, die Entstehung und den Verlauf psych. Störungen vorherzusagen. In der Persönlichkeitsps. gibt es weiterhin neben Eysencks zweidimensionalem Modell mit den Dimensionen Extraversion und Neurotizismus zahlreiche neurowiss. Ansätze zur Erklärung von T.unterschieden, insbes. versch. neuere Varianten der Reinforcement Sensitivity Theory von Gray (1982; Persönlichkeit, neurowissenschaftliche Ansätze).

Verwendete Literatur

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