Thanatopsychologie

 

(= T.) [engl. thanatopsychology; gr. θάνατος (thanatos) Tod], syn. Psychothanatologie, Todespsychologie, Psychologie des Todes, [EW, GES], als Teilbereich der umfassenderen Thanatologie beschäftigt sich die T. innerhalb eines differenzierten und hochgradig komplexen Merkmalsbereichs mit jenem Erleben und Verhalten des Menschen, das einerseits durch das Wissen um die grundsätzliche Sterblichkeit aller Lebewesen einschließlich der eigenen Person (Sterben) und andererseits durch die aktuelle Begegnung mit Sterben und Tod anderer Menschen ausgelöst wird. Gegenstand der T. sind ferner das Erleben und Verhalten des unheilbar Kranken und Sterbenden, seiner Angehörigen und seiner professionellen oder ehrenamtlichen Betreuer. Indem sie das Erleben und Verhalten von Hinterbliebenen einbezieht, fallen auch Trauern (Trauer) sowie Interventionen für Trauernde in ihren Bereich. Schließlich gehören auch die Unterrichtung über Sterben, Tod und Trauer und ihre Effekte auf die Teilnehmenden zur T. Die Fragestellungen und Befunde der T. sind stets in Bezug zu einem historischen und kult. Kontext zu sehen. Als Forschungsgebiet ist die Förderung eines Todesbewusstseins in der Gesellschaft nicht Gegenstand der T., in Anwendungsfeldern kann dies der Fall sein.

Aus dieser allg. Kennzeichnung ergeben sich als Aufgabengebiete der Grundlagenforschung: Theorieentwicklung, Entwicklung spezif. Untersuchungsverfahren bzw. Messinstrumente, Todeskonzept beim Kind und seine Entwicklung, Einstellungen zu Sterben und Tod, Sterbeprozess, psych. Belastungen von Betreuungspersonen im Umgang mit Sterbenden, suizidales Verhalten (Suizidalität), Trauer(n). Anwendungsfelder der T. sind Sterbebegleitung, Unterrichtung über Sterben, Tod und Trauer, Suizidprävention sowie Trauerberatung, -begleitung und -therapie insbes. nach traumatischer Verlusterfahrung. Innerhalb der T. werden auch rechtliche und ethische Fragen erörtert.

Ausgehend von den USA und der dort aufkeimenden klin. Ps. hat die T. seit Ende der 1960er-Jahre einen lebhaften Aufschwung erfahren. Dies betrifft sowohl die Grundlagenforschung als auch ihre Anwendungsfelder, und es zeigt sich in der Etablierung der internat. ausgerichteten Fachzeitschriften «Death Studies» und «Omega: The Journal of Death and Dying» sowie von wiss. und berufsständischen Organisationen (Association of Death Education and Counseling; International Work Group on Death, Dying and Bereavement). V. a. in qual. Hinsicht hat sich der Kenntnisstand der T. aufgrund dieser Entwicklung in den zurückliegenden Dekaden erheblich verbessert. In internat. Publikationen dominieren empirisch-quant. Untersuchungen. Vorherrschendes Thema ist Trauer, gefolgt von Suizid und Einstellungen zu Sterben und Tod nahezu gleichauf. Schwerpunkte internat. Forschung zur T. gibt es außer in den USA in Hongkong/China, Griechenland, Großbritannien bzw. dem Vereinigten Königreich, Israel, Kuwait, Ägyten sowie in den Niederlanden.

Die T. macht sich Methoden, Konzepte und Erkenntnisse aus allen Gebieten der Ps. zunutze, insbes. aber aus der Persönlichkeitspsychologie, Entwicklungspsychologie (der Lebensspanne; Lebensspannenpsychologie), Sozialpsychologie, Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Mit Blick auf die Anwendungsfelder der T. besteht eine bes. Nähe zur Medizinischen Psychologie. Zur Erklärung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod i. Allg. und der Angst vor Sterben und Tod im Bes. werden Theorien der Selbstverwirklichung, der Sinnfindung, der Verneinung und pos. Illusionen, Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung (Entwicklung, psychosozialer Ansatz nach Erikson) und nicht zuletzt Kellys Theorie der persönlichen Konstrukte (Selbsttheorien der Persönlichkeit) herangezogen. Das umfangreichste empirische Befundmaterial (pro und contra) liegt für die Theorie der persönlichen Konstrukte sowie für die Terror-Management-Theorie vor. Versuche, allg. Theorien der Emotionsentstehung auf das Erleben gegenüber Sterben und Tod anzuwenden, wurden bisher kaum unternommen. In der T. dominieren Selbstberichtdaten. Seit geraumer Zeit liegen sowohl in engl. als auch in dt. Sprache mehrdimensionale Fragebogenverfahren zur Erfassung einerseits versch. Komponenten des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (z. B. Bedrohung, Ängstlichkeit, Akzeptieren) und andererseits des Trauerns vor.

Referenzen und vertiefende Literatur

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