Tranylcypromin

 

(= T.), [PHA], T. ist ein nicht selektiver, irreversibler Monoaminooxidase-Hemmer, der zur Behandlung depressiver Störungen (Depression) bei unzureichender Response auf andere Antidepressiva eingesetzt wird. Darüber hinaus bestehen Hinweise für eine Wirksamkeit bei Zwangsstörungen und sozialer Phobie. Der Wirkungseintritt ist nach unterschiedlicher Latenz (bis zu 14 Tagen) zu erwarten. Die Eliminationshalbwertszeit liegt bei 1,5 bis 3 Std., die max. Konzentration wird nach 0,5 bis 3 Std. gemessen. Aufgrund der irreversiblen MAO-Hemmung ist die biol. Wirkdauer wesentlich länger. Bei der Eindosierung wird der Beginn mit 10 mg/d in einer morgendlichen Einzeldosis empfohlen. Im Verlauf kann eine Dosissteigerung um 10 mg pro Woche bis zum Erreichen einer Tagesdosis von 20‒40 mg/d, verteilt auf 1‒3 Einnahmezeitpunkte, erfolgen. Unter stationären Bedingungen kann die Dosis, bei unzureichendem Ansprechen, bis max. 60 mg/d erhöht werden (off-label). In Einzelfällen wurden auch noch höhere Dosierungen gegeben. Die letzte Einnahme sollte vorzugsweise nicht nach 15 Uhr erfolgen. Die Nebenwirkungsrate ist bei T. höher als bei anderen neueren Antidepressiva. So werden häufig Hypotonieorthostatische Dysregulation, Schlafstörungen, Schwäche, Müdigkeit, Schwindel, Angstzustände, Agitiertheit, Unruhe, Mundtrockenheit, Palpitationen, HypertonieGewichtszunahme oder -abnahme beobachtet. Gelegentlich kann es zu hypertensiven Krisen kommen, insbes. bei Nichtbefolgung der Vorgabe zur Einhaltung einer tyraminarmen Diät. Die Verschreibung von T. sollte nur dann erfolgen, wenn die Einschätzung besteht, dass der Pat. diese Diät einhalten kann. Hierbei muss auf zahlreiche Nahrungsmittel mit hohem Tyramingehalt gänzlich oder in erheblichem Maße verzichtet werden. U. a. betrifft dies diverse Käsesorten (bes. reifer, alter Käse; Frischkäse ist erlaubt), gewisse Fleischsorten und Fleischprodukte (Wildfleisch, Innereien, Suppen- und Brühwürfel, industriell hergestellte Fertigsoßen, hart ausgereifte Salami), einige Fischprodukte (Salzhering, Matjeshering, Salzsardinen, Kaviar, kalt geräucherter Fisch, Trockenfisch, Stockfisch, Klippfisch, Dorschleber, Tintenfisch, Fischsoßen, asiatische Soßen), Hefe und Hefeprodukte, mit Hefen durch Gärung hergestellte Getränke, Gerstenkeimlinge (Malz), best. Hülsenfrüchte (reife braune Bohnen), Kakao und Kakaoerzeugnisse (Schokolade in massiven Tafeln oder in Figuren, Nougat, Schoko- und Nougat-Eis), best. Obstsorten (Bananen, hochreife Birnen und Avocados, rote Pflaumen, Feigen, Rumtopf), diverse Gemüse (rohes Sauerkraut, rohe Salzgurken, Gewürzgurken aus dem Fass, Mixed Pickles, sauer eingelegte Pilze), Walnüsse. Ebenfalls untersagt sind versch. Getränke: Säfte mit hohem Birnen-, Bananen- oder Pflaumenanteil, industriell hergestellte Pampelmusensäfte, Nektare aus Zitrusfrüchten, alkoholische Getränke, z. B. Bier, Wein, Sekt, Cognac, Liköre, Weinbrände, Whiskey, Rum u. Ä. (auch Bier und Wein in alkoholfreier Form). Der Einsatz von T. ist mit einem hohen Interaktionspotenzial verbunden. So sind Kombinationen mit TZA, Bupropion, serotonergen Antidepressiva (z. B. SSRI, Clomipramin, Buspiron, Duloxetin, Venlafaxin, Milnacipran), Tryptophan, Tramadol, Naratriptan, Sumatriptan, Dextromethorphan, Pethidin sowie mit indirekten Sympathomimetika und Disulfiram untersagt. Die Wirkung von Alkohol kann bei gleichzeitiger Einnahme verstärkt werden. Bes. Vorsicht ist bei der Umstellung von serotonergen Antidepressiva auf T. geboten: die Vormedikation sollte für eine Karenzzeit von mind. zwei Wochen (im Falle von Fluoxetin mind. fünf Wochen) abgesetzt werden. Eine Umstellung von T. auf ein anderes Antidepressivum darf erst nach einem 14-tägigen Intervall frei von T. erfolgen. T. ist bei zahlreichen komorbiden somatischen Erkrankungen kontraindiziert, z. B. Phäochromozytom, Karzinoid, vaskuläre Erkrankungen des Gehirns, Gefäßfehlbildungen wie Aneurysmen, schwere Formen von Hypertonie bzw. von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberfunktionsstörungen bzw. Lebererkrankungen, schweren Nierenfunktionsstörungen, Porphyrie, Diabetes insipidus, maligne Hyperthermie, Delirien. Als relative Kontraindikationen werden kardiale Vorschädigung (v. a. höhergradige Herzinsuffizienz), erniedrigter oder erhöhter Blutdruck, erhöhte zerebrale Anfallsbereitschaft, Diabetes und eingeschränkte Nierenfunktion angegeben. Aufgrund des hohen Potenzials für Interaktionen und Nebenwirkungen sowie der Notwendigkeit der Einhaltung einer Diät muss der Entscheidung für T. eine sehr gründliche Nutzen-Risiko-Abwägung vorangehen.