Typologie

 

(= T.) [engl. typology; gr. τύπος (typos) Form, Gepräge, Urbild, λόγος (logos) Lehre], ist eine mehrdimensionale konzeptionelle Klassifikation, die Untersuchungseinheiten nach theoretischen Gesichtspunkten zu vollst. versch., sich gegenseitig ausschließenden Klassen zuordnet. Die Kategorie oder Klasse innerhalb einer T. wird als Typ bez.

[PER], T. innerhalb der Ps. gibt es vor allem in der Persönlichkeitsps. i. S. einer T. der Persönlichkeit. Nur noch von historischem Interesse sind die konstitutionspsychol. T. von Kretschmer bzw. Sheldon, die funktionstypologische T. von C. G. Jung (Analytische Psychologie) und die philosophisch-weltanschaulich orientierte T. von Spranger. Wissenschaftshistorisch lassen sich die Bestrebungen nach Erstellung von T. der Persönlichkeit zurückverfolgen bis auf die Temperamentstypologie von Galenos von Pergamon (ca. 130−200 v. Chr.), der Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker unterschied (Persönlichkeit, neurowissenschaftliche Ansätze). Kretschmer und Sheldon unterschieden Körperbautypen, denen sie charakteristische Persönlichkeiten zuschrieben. C. G. Jung unterschied vier Grundfunktionen, in denen das Bewusstsein und das Unbewusste tätig werden: Empfinden, Denken, Fühlen, Intuieren. Jung ging davon aus, dass bei jedem Menschen jew. eine der vier Grundfunktionen dominant ist. Diese vier Grundfunktionen kämen in zwei Einstellungsformen vor: Extraversion und Introversion, was die allg. Einstellung zum Obj. bez. (der Introvertierte entzieht dem Obj. die Libido, der Extravertierte verhält sich pos. zum Obj.). Aus der Kombination der zwei Einstellungen und den vier Grundfunktionen resultieren bei Jung acht versch. Typen, die mit dem Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) erfasst werden können. Das Vorgehen beruhte dabei auf phänomenologischen und heuristischen Strategien, bei Kretschmer und Sheldon auch auf empirischen Korrelationen, die sich jedoch als Scheinkorrelationen entpuppten (Körperbautypen). Deshalb verlor der Typengedanke in der Ps. zunehmend an Bedeutung. Die Hauptkritikpunkte an den historischen T. sind die geringen meth. Standards und der vorrangig qual. Ansatz der Typengewinnung und -analyse.

Heutige T. der Persönlichkeit beruhen auf empir. Klassifikationen von Personen aufgrund ihrer beurteilten oder mit Tests erfassten Persönlichkeitseigenschaften (Persönlichkeitsmerkmal). Die einfachste und auch häufig verwendete Methode zur Bildung von univariaten Persönlichkeitstypen ist die Dichotomisierung einer kontinuierlichen Eigenschaftsausprägung. Sind die Messwerte normalverteilt, kann die Dichotomisierung durch den Extremgruppenansatz realisiert werden. Z. B. können ängstliche Personen durch Werte auf einer Ängstlichkeitsskala def. werden, die geringer sind als bei 33% der Population, also im unteren Drittel der Verteilung liegen (cut-off point). Nicht ängstliche Personen werden def. durch Werte, die höher sind als bei 66% der Population, also im oberen Drittel der Verteilung liegen. Es können beliebige andere Teilungsparameter wie z. B. die Standardabweichung verwendet werden. Ein Bsp. für den Extremgruppenansatz ist die Einteilung in gehemmte und nicht gehemmte Kinder (Kagan, 1999). Die resultierenden Typen werden als polare Typen bez. Ein wesentlicher Nachteil des Extremgruppenansatzes liegt darin, dass ein Teil der Personen nicht klassifiziert wird. Dieser Nachteil kann ausgeglichen werden, wenn statt der Extremwerte der Median oder der Mittelwert zur Dichotomisierung verwendet wird. Dann sind die Gruppen allerdings nicht mehr extrem und es ist fraglich, ob dann überhaupt noch sinnvoll von Typen gesprochen werden kann. Die Typenbildung durch Extremgruppenbildung ist beliebig, weil das Kriterium der Gruppeneinteilung beliebig ist. Gegen die Praxis einer künstlichen Dichotomisierung (inkl. der Extremgruppenbildung) sprechen stat. Argumente (McCallum et al., 2002), sodass dieses Vorgehen für die Bildung von Gruppen in der psychol. Forschung nicht mehr verwendet werden sollte.

Neben univariaten T. können durch Hinzunahme eines zweiten Merkmals bivariate T. erstellt werden. Typ.weise werden zwei unabhängige Merkmale durch Median-Split geteilt, sodass vier Gruppen resultieren. Bekanntes Bsp. ist die T. der Represser und Sensitizer (repression-sensitization) von Weinberger et al. (1979), die auf den Merkmalen Angstleugnung (operationalisiert über soziale Erwünschtheit) und Ängstlichkeit basiert. Der Typ des Repressers wird durch hohe Werte in sozialer Erwünschtheit (Angstleugnung) und niedrige Werte in Ängstlichkeit charakterisiert. Ein anderes Bsp. ist das Konzept der Typ-D-Persönlichkeit (Denollet & van Heck, 2001).

Als weitere Möglichkeit können Persönlichkeits-T. durch Prototypen gebildet werden. Ein Persönlichkeitsprototyp ist die Persönlichkeit einer fiktiven Person, die den Persönlichkeitstyp repräsentiert. In diesem multivariaten Ansatz erfolgt eine Klassifizierung der Personen nach der Ähnlichkeit ihrer Merkmalsausprägungen in vielen Persönlichkeitseigenschaften. Die Klassifizierung erfolgt an den indiv. Profilen, die die Messwerte der Persönlichkeitseigenschaften in einem vergleichbaren Maßstab, z. B. als z-standardisierte Werte abbilden. Die Profile der Personen können sich in versch. Parametern voneinander unterscheiden, z. B. in der Höhe der einzelnen Ausprägungen und der Verlaufsform. Die Profile versch. Personen lassen sich mit unterschiedlichen stat. Verfahren vergleichen (z. B. Clusteranalyse, Q-Technik,  Mischverteilungsanalyse). Personen werden demjenigen Prototyp zugeordnet, dem sie am ähnlichsten sind. So werden Klassen einander ähnlicher Personen gebildet, die als Persönlichkeitstypen bez. werden. I. Ggs. zur Klassifikation durch kritische Merkmale, z. B. in Form des Extremgruppenansatzes, muss der Prototyp nicht tatsächlich vorhanden sein. Der Prototyp entspricht einer hypothetischen Person oder einem Persönlichkeitsideal, das möglicherweise von keiner Person erfüllt wird. Prominentes Bsp. sind die auf Block & Block (1980) zurückgehenden Typen resilienter Typ, unterkontrollierter Typ, unterkontrollierter Typ. Die Prototypenbildung erfolgt im Erwachsenenalter meist auf Basis von Big-Five-Profilen und im Kindesalter durch das California Child Q-Set (CCQ). Bsp.-profile für Persönlichkeitsprototypen sind in der Abb. dargestellt. Basierend auf Selbstberichten, Fremdurteilen und Testdaten lassen sich die resilienten Personen als die psychosozial am besten angepasste Gruppe beschreiben. I. Ggs. dazu sind die beiden anderen Persönlichkeitstypen weniger gut angepasst. Überkontrollierte zeigen häufiger sog. Internalisierungsprobleme wie AngstDepression und sozialen Rückzug (Störungen des Sozialverhaltens). Unterkontrollierte zeigen häufiger Externalisierungsprobleme wie Verhaltensprobleme oder Delinquenz (Asendorpf et al., 2001). Zwei weitere Prototypen (Herzberg, Roth, 2006) haben nur schwach ausgeprägte Profile; sie werden als zuversichtlich bzw. als reserviert bezeichnet. Der zuversichtliche und der reservierte Prototyp nehmen eine mittlere Position im Kontinuum der psychosozialen Anpassung zw. dem resilienten und dem über- und dem unterkontrollierten Prototyp ein.

Vorteile empirischen T. sind, dass sie ein effizientes Beschreibungssystem für Personen liefern, da die Mitglieder einer Kategorie eine Vielzahl von Merkmalen und Korrelaten teilen. Die personenorientierte Klassifikation entspricht besser dem alltagspsychol. Persönlichkeitskonzept und lässt sich daher einfacher kommunizieren, und sie kann differenzielle Entwicklungsverläufe vorhersagen (z. B. Caspi et al., 2003 Meeus et al., 2011). Nachteilig ist dabei der Informationsverlust bei der Abb. der graduellen Variation der Persönlichkeit.

Verwendete Literatur

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