Übertragung

 

(= Ü.) [engl. transference], [KLI], Ü. ist ein zentraler Begriff der psychoanalytischen Theorie und Praxis (Psychoanalyse). In der Ü. werden intensive unbewusste Gefühle, Wünsche, Sinnesempfindungen oder Verhaltensmuster aus wichtigen vergangenen Beziehungen, z. B. zu Eltern oder Geschwistern, in gegenwärtigen Beziehungen aktualisiert (Projektion). Ü. ist nicht nur ein klin. Phänomen, sondern findet auch in Alltagsbeziehungen statt, wobei jedoch die psychoanalytische Situation bes. Gelegenheit zur systematischen Entfaltung und Bearbeitung der Ü. bietet. Freud begegnet der Ü. erstmals zus. mit Breuer in seinen Studien zur Hysterie sowie im Zus.hang mit der Entdeckung der Verschiebung psych. Energie im Traum (Freud, 1900). Anhand seiner späteren Behandlungsfälle (z. B. 1905: Dora) entwickelt er das Konzept der Ü. in ihrer wesentlichen Bedeutung für die psychoanalytische Behandlung als das Übertragen starker Gefühle aus einer best. Beziehung auf eine andere Person, die von diesem Ursprung unabhängig ist. Zunächst als Hauptwiderstand gegen die Behandlung betrachtet, konzeptualisiert Freud die Ü. hier als wichtiges Hilfs- und Heilmittel jeder Behandlung. In der psychoanalytischen Therapie stellen sich in der Ü.beziehung zum Therapeuten Wiederholungen von bedeutungsvollen Beziehungssituationen aus der Kindheit wieder her und werden auf den Analytiker übertragen (Ü.-Neurose). Die Ü. wird in der Behandlung durchgearbeitet, zunehmend bewusst gemacht und so der Bearbeitung im therap. Prozess zugänglich. Freud (1912) unterscheidet in pos.-zärtliche und neg.-feindselige Ü.gefühle, wobei eine milde pos. Ü. als notwendig für das Arbeitsbündnis angesehen wird. Das Verständnis der Ü. verändert sich im Zuge theoretischer und praktischer Entwicklungen. Mit der intersubj. Wende in der Psychoanalyse wird der zunächst intrapsych. im Pat. verortete Vorgang der Ü., im Zus.wirken mit der Gegenübertragung, zunehmend als interpersonales Beziehungsgeschehen in der Interaktion zw. Pat. und Analytiker verstanden, wobei reale und unbewusste Beziehungen interagieren (Thomä 2001). Der Umgang mit Ü. und Gegenü. ist ein zentraler Aspekt in der psychoanalytischen Ausbildung und der Erfahrung in der persönl. Analyse (Lehranalyse).

Referenzen und vertiefende Literatur

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