Ungerechtigkeitssensibilität

 

(= U.) [engl. sensitivity for injustice], [SOZ]. Seit Mitte der 1990er-Jahre werden in der Differentiellen Ps. zunehmend Persönlichkeitsunterschiede im Erleben von und im Umgang mit Ungerechtigkeit (Gerechtigkeit) beforscht. Das Konstrukt der U. spiegelt diese dispositionellen (Disposition) Unterschiede wider: Danach unterscheiden sich Menschen systematisch darin, wie leicht sie Ungerechtigkeit wahrnehmen und wie stark sie darauf reagieren (Schmitt et al., 2009). Diese Unterschiede sind zeitlich stabil und lassen sich über versch. ungerechte Situationen hinweg generalisieren. Die Ungerechtigkeit kann dabei aus vier Perspektiven wahrgenommen werden: aus der Opfer-, der Beobachter-, der Nutznießer- und der Täterperspektive. Personen können selbst Opfer von Ungerechtigkeit oder Zeuge einer ungerechten Tat werden. Sie können auch passiv von einer Ungerechtigkeit profitieren oder eine ungerechte Tat selbst begehen. Die vier Facetten des U.-Konstrukts lassen sich empirisch ausreichend voneinander trennen (z. B. Schmitt et al., 2010): Nutznießer- und Tätersensibilität weisen dabei den höchsten Anteil gemeinsamer Varianz auf; die Opfersensibilität ist am niedrigsten mit den anderen U.-Facetten korreliert (Korrelation). Eine Person kann demzufolge Unterschiede hinsichtlich ihrer U. aus Opfer-, der Beobachter-, der Nutznießer- und der Täterperspektive zeigen. Schmitt et al. (2010) legten eine erste Skala zur Messung der vier Facetten der U. vor. Die vier Perspektiven leisten einen substanziellen Beitrag zur Erklärung versch. sozialer Phänomene, z. B. politische Partizipation, Altruismus, Zivilcourage und solidarisches Verhalten (Solidarität). Darüber hinaus steht die U. in Zusammenhang mit Phänomenen des Erlebens und Verhaltens in der Arbeitswelt, z. B. Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber oder Racheintentionen infolge von Kündigung des Arbeitsplatzes.

Referenzen und vertiefende Literatur

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