Untreue, partnerschaftliche

 

(= U.) [engl. infidelity], [SOZ], ist ein universelles Phänomen, das in allen untersuchten Kulturen beobachtet wurde (Buss, 2000). Das Phänomen der partnerschaftlichen U. kann zu Schwierigkeiten und Misserfolgen in einer bestehenden Beziehung beitragen. Evolutionspsychol. Erklärungen der (sexuellen) U. betonen die Möglichkeit, dass U. einen Vorteil für die Weitergabe der eigenen Gene in die nächste Generation haben kann. Nach Buss (2000) sind Männer untreuer als Frauen, weil Frauen mehr in ein Kind investieren müssen und nicht viel davon haben, wenn sie zuvor zahlreiche Männer lieben. Hingegen sind Männer mehr auf Sexualkontakte mit multiplen Partnerinnen ausgerichtet. Dadurch streben sie an, die Anzahl der eigenen Nachkommen zu erhöhen. Es wird darüber spekuliert, dass attraktive Männer durch U. die Anzahl ihrer Kinder erhöhen, während weniger attraktive Männer die Taktik verfolgen, sich als Langzeitpartner begehrenswert zu machen, indem sie Treue betonen (Gangestad & Simpson, 2000). Auch Frauen sind untreu, wie schon das Phänomen der männlichen Eifersucht vermuten lässt. Warum haben Frauen Affären? Im Wesentlichen sind drei Gründe zu nennen (Buss, 2000): wegen der Extrabelohnungen, die sie von den Affärenpartnern erhalten, wegen der Erreichbarkeit besserer Gene und wegen des Anstrebens einer Versicherung gegen den Verlust des gegenwärtigen Partners. Die Neigung zur U. hängt mit der Soziosexualität zus. (Simpson & Gangestad, 1991, 1992). Diese stellt eine bipolare Persönlichkeitsdimension dar, deren Endpunkte durch sexuelle Restriktion (niedrige Soziosexualität) und sexuelle Freizügigkeit (hohe Soziosexualität) gekennzeichnet sind. Die sexuell restriktive Orientierung äußert sich durch Zurückhaltung bei der Anbahnung sexueller Beziehung und die Betonung von Liebe als Voraussetzung für Sexualität. Hingegen ist die sexuell freizügige Orientierung dadurch charakterisiert, dass kein Problem darin gesehen wird, sexuelle Beziehungen ohne Liebe zuzulassen. Zur Messung der Soziosexualität wurde das Sociosexual Orientation Inventory (SOI) entwickelt (Gangestad & Simpson, 1991, 1992), das sowohl aus Verhaltensitems (z. B. Zahl der sexuellen Partner im letzten Jahr) als auch aus Einstellungsitems (z. B. «Sex ohne Liebe ist o. k.») besteht. Im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede zeigen empir. Studien, dass Männer ein höheres Maß an Soziosexualität aufweisen. Hohe Werte auf dem SOI sind mit einem vermeidenden Bindungsstil verbunden. Damit stimmt überein, dass sicher gebundene Personen über weniger U. berichten als die anderen drei Bindungsgruppen (ängstlich-ambivalent, ängstlich-vermeidend, gleichgültig-vermeidend; Helms & Bierhoff, 2001). Neben dem Bindungsstil finden sich noch weitere Korrelate der U.: U. hängt pos. mit einem spielerischen Liebesstil zus., während die romantische Liebe hoch neg. mit U. korreliert (Liebesstile). Weiterhin gilt, dass sexuelle Permissivität und sexuelle Instrumentalität pos. mit U. korrelieren (Helms & Bierhoff, 2000). Es gibt einen bedeutsamen Geschlechtsunterschied im Hinblick auf die Wahrnehmung der Partneru. (Buss, 2000). In diesem Zusammenhang wird zw. zwei Formen der Untreue unterschieden: Sexuelle U. (betrifft sexuelle Aktivitäten) und emot. U. (romantische Gefühle und Aufmerksamkeit werden auf eine/n andere/n Partner/Partnerin gerichtet). Es wird angenommen, dass für Frauen emot. Untreue des Partners bes. alarmierend ist, da sie die Bereitschaft des Mannes bedroht, seine Ressourcen zukünftig für den gemeinsamen Nachwuchs zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollte für Männer die sexuelle U. der Partnerin bedrohlicher sein, weil dadurch ihre Zuversicht im Hinblick auf die eigene genetische Vaterschaft etwaiger Kinder bedroht wird. Daher fürchten Männer die sexuelle U. ihrer Partnerinnen mehr, Frauen die emot. Untreue ihrer Männer. Die Ursache liegt in der Tatsache der Reproduktionsbiol., dass die Befruchtung innerhalb des weiblichen Körpers stattfindet. Daher haben Frauen das Privileg, sich ihrer genetischen Elternschaft sicher sein zu können Dieser Zusammenhang kommt in der engl. Spruchweisheit: «Mama's baby, papa's maybe» zum Ausdruck (Buss, 2000).

Referenzen und vertiefende Literatur

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