Verfremdungshaltung

 

(= V.) [engl. alienative attitude/commitment], [FSE, SOZ], das Konzept der V. steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Problem des Fremdverstehens, das beschreibt, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als nur mit unserem eigenen Relevanzsystem zu verstehen. Besteht jedoch das Ziel darin, neue Erkenntnisse zu generieren und nicht tautologisch Wissen anzuwenden, ist es notwendig, das eigene Relevanzsystem so weit wie möglich zurückzunehmen, es also in einen Prozess der V. zu überführen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn man sich auf das eigene Relevanzsystems reflexiv sensibilisiert (Prinzip der Reflexivität). Dies bedeutet, sich auf die eigenen Akte der Selbstauslegung beim Fremdverstehen zu sensibilisieren. Nur hierdurch wird es möglich, das eigene Relevanzsystem weitgehend zu öffnen, um das Fremde an sich heranzulassen, damit dessen Sinnstruktur sich entfalten kann. Diese selbstreflexive Sensibilisierung kann dabei in enger Anlehnung an das Konzept der theoretischen Sensibilisierung (theoretical sensitivity) in der Grounded Theory-Methodologie verstanden werden (sensitizing concepts), das von Barney Glaser ausgearbeitet wurde und auf das sich auch Anselm Strauss und Juliet Corbin (1996) beziehen. Es zeigt sich hierbei auch eine starke Überschneidung mit dem in der Ethnografie entwickelten Konzept der «Befremdung der eigenen Kultur» (Hirschauer & Amann, 1997) und dem Konzept des «meth. kontrollierten Fremdverstehens» (Kruse, 2009b), das insbes. auf der V. aufbaut, die auch als Haltung der «Ent-Selbstverständlichung» (Breuer, 2009) bezeichnet werden kann, was z. B. Ronald Hitzler (1986) als «meth. Skeptizismus» bezeichnet hat. Alle diese Konzepte fordern, dass es vermieden werden muss, in den eigenen kommunikativ eingebetteten Verstehensprozessen die Sinnstrukturen des eigenen Relevanzsystems in die Sinnstrukturen des fremden Relevanzsystems hineinzulegen. Denn ansonsten verstehen wir von dem fremden Sinn nichts, sondern nur uns selbst bzw. nur das, was uns passt, und somit nur das, was wir ohnehin bereits wissen. Hieraus folgt, dass «wirkliches» Verstehen nur dann möglich wird, wenn wir in unseren Verstehensprozessen irritiert werden, worauf bereits Georges Devereux hingewiesen hat (Kruse, 2009): Die Irritation unseres eigenen Relevanzsystems ist der Wegweiser zu neuer Erkenntnis bzw. zum Verstehen fremden Sinns. Wer in Verstehensprozessen nicht mannigfaltige Situationen der Irritation verspürt und diese Irritation zum Anlass der Reorganisation des eigenen Relevanzsystems nimmt, versteht tautologisch, also nur das, was er ohnehin schon weiß. Das Verstehen des Fremden scheitert hierbei. Verstehensprozesse in der qualitativen Sozialforschung bzw. rekonstruktiven Sozialforschung, so folgt hieraus, müssen damit stets in höchstem Maße reflexiv sein (Prinzip der Reflexivität), um Fremdverstehen zu ermöglichen. Um im Sprachspiel des metaphorischen Begriffes «ver-» (Präfix = weg, von, los) «-stehen» (Standpunkt, Relevanzsystem) zu bleiben: Dieser beschreibt eine Bewegung, dass nämlich der andere Standpunkt eingenommen werden muss (i. S. von «weg-stehen» vom eigenen Standpunkt), um diesen zu verstehen. Dies ist aber nicht möglich, denn man kann sich nicht selbst verlassen. Und dennoch: Fremden Sinn, fremde Standpunkte verstehen nur diejenigen, die dabei «sich verstehen». Fremdverstehen ist also nur möglich, wenn das eigene Verstehen verstanden wird und wenn man sich von diesem reflektiert distanziert.

Referenzen und vertiefende Literatur

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