Verhaltenssucht

 

(= V.) [engl. behavioral addiction]; syn. stoffungebundene Suchterkrankung, [KLI], das relativ neue Konzept der V. beschreibt versch. Verhaltensweisen, die exzessiv betrieben zu diversen psychosozialen Problemen führen können und phänomenologisch an substanzbezogene Suchterkrankungen (Sucht- und Substanzbezogene Störungen) erinnern. Inhärent belohnende Alltagsroutinen wie Arbeiten, Kaufen, Essen, Sammeln, Sexualität oder Sport, aber auch andere, grundsätzlich als angenehm empfundene Tätigkeiten wie die Teilnahme am Glücksspiel (Glücksspielsucht) oder best. Internetaktivitäten (Gamen, Chatten, Surfen; Computerspielsucht) werden von den Betroffenen trotz auftretender Folgeschäden wiederkehrend und mitunter in eskalierender Weise ausgeführt. Im Zentrum steht dabei der unwiderstehliche, aus subj. Sicht kaum mehr zu kontrollierende Drang zur Umsetzung des jew. Verhaltens. Daneben treten weitere Symptome auf, die größtenteils die Kernkriterien einer klassischen substanzbezogenen Suchtstörung repräsentieren (z. B. Vereinnahmung, Toleranzentwicklung, entzugsähnliche Erscheinungen (Entzugserscheinungen), Abstinenzunfähigkeit (Abstinenzerscheinungen) bzw. hohe Rückfallgefährdung; Grüsser & Thalemann, 2006; Mann, 2014). Befürworter des Modells der V. gehen davon aus, dass es für das menschliche Gehirn in letzter Instanz unerheblich ist, wie bzw. womit es verstärkt (Verstärkung) wird, da es grundsätzlich nicht zw. einer direkten Stimulation durch psychotrope Substanzen und einer indirekten Stimulation bei repetitiver Ausführung best. belohnend wirkender Verhaltensweisen unterscheidet. Neurowiss. Studien unterstützen diese Sichtweise weitgehend, da best. Tätigkeiten mit körpereigenen biochemischen Veränderungen im Gehirn einhergehen, die den Effekten beim Suchtmittelkonsum durchaus ähneln. Kritiker des Konstrukts der V. machen hingegen vornehmlich auf die vorschnelle, an sich unzulässige und daher verzerrende Übertragung von Begriffen eines originär organischen Krankheitsmodells (mit dem Fokus: körperliche Prozess) auf exzessive Verhaltensmuster (mit dem Fokus: psych. Prozesse) aufmerksam. Zudem ist zu beachten, dass nicht jeder Verhaltensexzess auch die Hauptkriterien einer Suchterkrankung erfüllt, sondern mitunter sogar im Gegenteil mit lustvollen, pos. Wirkungen etwa i. S. eines leidenschaftlichen Interesses assoziiert ist (vgl. z. B. mit einem Künstler, der wochenlang quasi ohne Unterbrechungen an seinem Werk arbeitet). Schließlich implizieren vorschnelle nosologische Schlussfolgerungen die Gefahr einer inflationären und letztlich verwässernden Verwendung des Suchtbegriffs sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltagsjargon. Integrative Perspektiven schlagen derweil ein einzelfallanalytisches Vorgehen vor, welches eine Zuordnung der betroffenen Personen in Abhängigkeit der jew. Charakteristik in das Modell der V. oder in alternative Erklärungsmodelle zulässt, hier v. a. die Zwangsspektrumstörung (Zwangsstörungen) und die Impulskontrollstörung (Mann, 2014). Unabhängig von dieser grundsätzlichen Kontroverse besteht in der Fachliteratur inzw. ein breiter Konsens darüber, dass die exzessive Beteiligung am Glücksspiel den Prototyp einer V. darstellt und in diesem Kontext eine Vorreiterrolle einnimmt (Glücksspielsucht). Als zweiter Kandidat wird zunehmend die exzessive Computer- bzw. Internetnutzung diskutiert, die zunächst unter dem Label Internet Gaming Disorder (Störung durch Spielen von Internetspielen; alltagssprachlich auch: Computerspielsucht) als Forschungsdiagnose Eingang in das DSM-5 gefunden hat und aller Voraussicht nach als Gaming Disorder in der 11. Revision der International Classification of Diseases (ICD-11; Klassifikation psychischer Störungen) vollwertig aufgenommen wird. Bei allen anderen Störungsbildern erweist sich die Befundlage zum jetzigen Zeitpunkt jedoch als defizitär bzw. inkonsistent, was einer kohärenten Klassifikation entgegensteht. Um das Konzept der V. im wiss. Diskurs nachhaltig zu etablieren, bedarf es demzufolge weiterer Forschungen zu den einzelnen infrage kommenden Verhaltensdomänen. So dürften in erster Linie einheitliche Def. und Operationalisierungen der einzelnen Störungsbilder, die Klärung ihrer klin. Bedeutsamkeit und Eigenständigkeit, die Bestimmung handlungsrelevanter Risikofaktoren sowie die Erfassung der auftretenden indiv. resp. sozialen Folgekosten der jew. Anerkennung Vorschub leisten und wertvolle Hinweise zur nosologischen Einordnung mit sich bringen. Allerdings müssen bei der Bewertung immer auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Zeitgeistphänomene Berücksichtigung finden. Wurde z. B. Ende des 18. Jhd. vor der «Lesewut» und «Lesesucht» junger Menschen bzw. «gefährlicher Literatur» i. Allg. gewarnt, ist dieser Problembereich schon seit langer Zeit nicht mehr Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Gerade im Zuge der zunehmenden Technologisierung sollte entspr. zurückhaltend auf (technische) Neuentwicklungen reagiert und mögliche Anpassungsprozesse aufseiten der Bevölkerung nicht außer Acht gelassen werden.

Verwendete Literatur

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