Verkehrspsychologie

 

(= V.) [engl. traffic psychology], derjenige Zweig der Angewandten Psychologie, der sich mit der psychol. Grundlagenforschung im Bereich des Verkehrsverhaltens und mit der Verwertung der Ergebnisse aus dieser Forschung für die Beantwortung praktischer Fragestellungen befasst; als Grundlagenforschung sucht sie nach Gesetzmäßigkeiten und Erklärungsmöglichkeiten für ps. Sachverhalte des Verkehrsgeschehens. Die gegebene Def. gilt, wenn man sich nicht an der in neuerer Zeit als unangebracht erkannten Gegenüberstellung von angewandter Ps. und psychol. Grundlagenforschung orientiert, sondern an Unterschieden zw. angewandter und nicht angewandter Ps., die sich unter den Gesichtspunkten (1) der Problemstellung und (2) der Ergebnisverwertung zus.fassen lassen. Obwohl sich die V. grundsätzlich auf die Bereiche des Straßen-, Eisenbahn-, Luft- und Schiffsverkehrs zu beziehen hätte, wird ihre Zuständigkeit ganz überwiegend auf den Straßenverkehr begrenzt. Die V. ist somit auch als Teildisziplin der Straßenverkehrsforschung zu sehen und dementspr. auf enge Zusammenarbeit mit den Disziplinen der Verkehrstechnik, Kraftfahrzeugtechnik, Verkehrsrechtswiss., Verkehrspädagogik und Verkehrsmedizin angewiesen. Als Arbeits- bzw. Aufgabengebiet der V. ist zu nennen: Verhaltensanalyse. Diese hat deshalb vorrangige Bedeutung, weil sie für andere Arbeitsgebiete die erforderliche Grundlage liefert. Sie untersucht das Verhalten versch. Verkehrsteilnehmergruppen teils unter Feld-, teils unter Laboratoriumsbedingungen mit dem Ziel der empir. Ermittlung relativ allg. Merkmale des Verhaltens im Straßenverkehr. Dabei ist zw. Beobachtung im Sinn einer Verhaltensbeschreibung einerseits und Verhaltensbeurteilung andererseits zu unterscheiden. Als Beobachtungsmethoden kommen in Betracht: apparative Messungen (Registrierung von Fahrzeugbedienung, Pulsfrequenz (Herzfrequenz), Blickverhalten (Blickbewegungsmessung) u. a.), Beschreibung durch mitfahrende Beobachter (Skalierung), Beschreibung durch nachfahrende Beobachter (Skalierung, Filmaufnahme). Die Verhaltensbeobachtung erfolgt demgegenüber im Hinblick auf best. Kriterien (Unfall, Beinahe-Unfall, Verkehrverstoß, Fahrfehler, Verkehrsangepasstheit). Ergonomische V. untersucht die Auswirkungen der äußeren Verkehrsbedingungen auf das Verkehrsverhalten. Dabei handelt es sich um Verhaltensbedingungen, die durch Fahrzeug, Straße und Verkehrsordnung gegeben sind. Der enge Zusammenhang zw. Grundlagenforschung und praxisbezogenen Folgerungen aus ihren Ergebnissen wird hier ebenso deutlich wie die unmittelbare Zusammenarbeit mit den benachbarten Fachdisziplinen. Bsp. für untersuchte Fragestellungen aus diesem Gebiet: Wahrnehmbarkeit unterschiedlicher Rücklicht-, Blinklicht- und Bremslichtanordnungen; Wahrnehmbarkeit von und Verhaltensbeeinflussung durch Verkehrszeichen; Auswirkungen von Geschwindigkeitsbeschränkungen. Päd. V.: Ergebnisse der verkehrspsychol. Grundlagenforschung werden auch für die Entwicklung neuer Ansätze in der Fahrausbildung und in der Verkehrserziehung und -aufklärung verwertet, wobei Möglichkeiten einer stärkeren Verflechtung dieser beiden Bereiche gesucht werden. Schwerpunkte sind dabei eine mehr als bisher auf Verkehrssicherheit ausgerichtete Fahrausbildung (Wahrnehmungs-, Defensiv-, Gefahrentraining) und eine systematische Verkehrserziehung im Vorschul- und Schulalter. Auch gruppentherap. orientierte Methoden wurden auf diesem Gebiet entwickelt (z. B. driver improvement, Gruppengespräche für ältere Fußgänger).

Psychol. Untersuchungen der Fahrtüchtigkeit: Hier werden die Einflüsse zeitvariabler indiv. Bedingungen wie z. B. der Einfluss von ErmüdungAlkohol und Droge auf das Fahrverhalten untersucht, häufig unter Verwendung von Simulationsmethoden. Ps. Untersuchungen der Fahreignung: Die Eignungsdiagnostik stand lange – bes. in der BRD – im Mittelpunkt der V., tritt aber wegen ihres geringen Wirkungsgrades immer mehr in den Hintergrund gegenüber der ergonomischen und päd. V. Solange an einer – verkehrspol. zu rechtfertigenden – Kontrolle der Zulassung zur motorisierten Straßenverkehrsteilnahme festgehalten wird, ist die Bedeutung der Fahreignungsdiagnostik für den Einzelfall unter dem Gesichtspunkt der inkrementellen Validität nicht zu bestreiten. Dabei werden Persönlichkeitsmerkmale i. e. S. (Charaktereigenschaften (Eigenschaften), Haltungen, Einstellung), spezif. Leistungsmerkmale (visuelle Wahrnehmung, Psychomotorik), allg. Leistungsmerkmale (Intelligenz, Konzentration) und biografische Daten als Prädiktoren (Prädiktor) verwendet. Nachschulung.

Referenzen und vertiefende Literatur

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