Völkerpsychologie, Ethnopsychologie

 

(= V.) [engl. Volkerpsychologie, culturally-sensitive approach to psychology, ethnopsychology; gr. ἔθνος (ethnos) Volk], [HIS, SOZ], die mit den psychol. Aspekten und Befunden der Völkerkunde (Ethnologie = vergleichende, Ethnografie = beschreibende Völkerkunde) befasste Ps. Von Lazarus und Steinthal 1860 definiert als «Wissenschaft vom Volksgeist, d. h., Lehre von den Elementen und Gesetzen des geistigen Völkerlebens». Ihr «Gegenstand sollen alle gesellschaftlichen Formen sein, die innerhalb der Volksgemeinschaft bestehenden sowie die über das Volksganze hinaus greifenden Beziehungen». V. ist alles, «was im Leben der menschlichen Gemeinschaft geistiger Natur ist».

Elemente des Volksgeistes sind: Sprache, Mythologie, Religion, Kultur, Folklore, Schrift, Kunst und das praktische Leben mit der Entwicklung von Sitte, Moral und Recht. Wesen des Volksgeistes ist ein gleiches Bewusstsein vieler mit dem Bewusstsein dieser Gleichheit, entstanden durch gleiche Abstammung und örtliche Nähe; «das, was zur Summe der Individuen noch hinzukommen muss, um aus der Vielheit eine Einheit zu machen», «das allen einzelnen Gemeinsame der inneren Tätigkeit». Die Annahme eines Volksgeistes fußt wissenschaftshistorisch auf der Verbindung von Hegels Geschichtsphilosophie («objektiver Geist») mit Herbarts Analogie zw. dem Einzelbewusstsein und der Gesellschaft. 1900 weist Wundt der V. die Aufgabe einer Untersuchung der an das Zusammenleben der Menschen gebundenen psych. Vorgänge zu, «die der allg. Entwicklung menschlicher Gemeinschaften und der Entstehung gemeinsamer geistiger Erzeugnisse von allg. gültigem Wert zugrunde liegen». Ist bei Lazarus und Steinthal der Volksgeist noch ein selbstständiges psychol. Subjekt (d. h., die als Individualität gedachten gemeinsamen Lebens- und Kulturäußerungen eines Volkes, wie sie sich zugleich als innere Notwendigkeit und bestimmende Strukturform erweisen), so wird die Wundt’sche Volksseele zum Inbegriff der Wechselwirkung zw. den Einzelnen. Die kollektiv-psych. Erscheinungen stellen etwas Neues und Eigenartiges dar: Wundts Prinzip der schöpferischen Synthese. Seine V. ist somit keine vergleichende Charakterologie der Völker, sondern nach unseren Begriffen Kulturanthropologie. 1938 hat Hellpach Volk als Naturtatsache, als geistige Gestalt und als Willensschöpfung gefasst. Auch die biol. Grundlagen des Völkerlebens, die Eingriffe schöpferischer Individuen und die Schicksale moderner Kulturvölker werden zum Unterschied von Wundt behandelt. Bedeutende Beiträge zur V. aufgrund empir. Untersuchungen haben in Europa die Ethnologen und Soziologen R. Thurnwald und L. Levy-Bruhl, in Amerika die Kulturanthropologen F. BoasM. Mead und R. Benedict geleistet. Über Ergebnisse und Methoden der die ältere V. ersetzenden interkult. Forschung (cross cultural research, kulturvergleichende Psychologie) berichten z. B. Whiting 1968 und Lambert & Weisbrod 1972.

Referenzen und vertiefende Literatur

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