Wissenschaftstheorie

 

(= W.) [engl. philosophy of science], [PHI], s. auch Gebietsüberblick «Philosophie und Wissenschaftstheorie»; Metawissenschaft der erkennenden Wissenschaften, hervorgegangen aus der älteren Erkenntnistheorie durch Beschränkung auf wiss. entscheidbare Fragen. Als Formalwissenschaft Lehre von den logischen und stat. Grundlagen sowie allg. Methodenlehre wiss. Erkenntnisgewinnung. Als Realwissenschaft Theorie der Wissenschaftsgeschichte und -entwicklung, z. T. auch Ps., Soziologie usw. der Erkenntnis. Ein Hauptproblem ist das Verhältnis von normativen (normativ; W. als System meth. Regeln, deren Beachtung Wissenschaft erst ermöglicht) zu deskriptiven (W. als rationale Rekonstruktion der Vorgehensweisen in den bestehenden Wissenschaften) Auffassungen (Theoretische Psychologie).

Wichtige Ideen zur W. findet man seit der Antike (z. B. Aristoteles, Bacon, Descartes). Die moderne W. beginnt in den 1920er-Jahren mit der Begründung des logischen Empirismus (= l. E.) (auch l. Positivismus). Durch das Sinnkriterium der Verifizierbarkeit sollten sinnvolle Sätze (wie die der Physik) von sinnlosen (darunter die der Metaphysik) unterschieden werden. Es gelang allerdings nicht, eine zufriedenstellende Fassung des Sinnkriteriums zu finden. Auch das Programm, theoret. Begriffe (z. B. kognitive Dissonanz, Leistungsmotiv) auf Beobachtungsbegriffe (z. B. Zahl angekreuzter Ja-Antworten in einem best. Erhebungsverfahren) zurückzuführen, erwies sich als nicht durchführbar (Operationalismus). Die Theorieabhängigkeit der Beobachtung wurde später als einer der zentralen Kritikpunkte am l. E. angeführt. Zwei weitere bedeutsame Projekte in der Tradition des l. E. waren der Aufbau einer induktiven Logik (Carnap, Induktion) sowie die Ausarbeitung des Modells der nomologischenErklärung (Hempel und Oppenheim).

Beeinflusst durch den l. E. und zugleich in Auseinandersetzung mit ihm entwickelte Karl Popper den Falsifikationismus, den er später zum kritische Rationalismus (= k. R.) weiterentwickelte. Popper verwarf jede Form induktiven Schließens. Als Kriterium empirischer Wiss. schlug er die Falsifizierbarkeit von Theorien anhand von Beobachtungen vor. Ein Vorgehen nach dieser Methodologie erfordert, dass Hypothesen bzw. Theorien kritisch geprüft und nicht durch Immunisierungsstrategien vor einer Falsifikation bewahrt werden. Theorien, die eine kritische Prüfung bestehen, gelten als bewährt. Falsifikationen dienen dem Erkenntnisfortschritt, da sie entscheidende Hinweise zur Änderung bzw. Neukonstruktion von Theorien geben. Ziel dieses Vorgehens ist es, Theorien so zu ändern bzw. durch neue zu ersetzen, dass sie der Wahrheit i. S. einer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit immer näher kommen. Es gibt in der Erkenntnis allerdings niemals Gewissheit darüber, ob eine Aussage wahr oder falsch ist (Fallibilismus); dies gilt auch für Beobachtungsaussagen. Als Hauptkritik am k. R. wurde vorgebracht, dass er kein eindeutiges Kriterium dafür angibt, ob im Fall widersprechender Beobachtungen die Kernannahmen der Theorie oder die beim Test verwendeten Hilfsannahmen aufgegeben werden sollen.

Sowohl gegen den Empirismus als auch den k. R. wandte sich Anfang der 1960er-Jahre Thomas Kuhn mit seiner Lehre von den Paradigmen und Revolutionen in der Wiss. (Fortschritt, wissenschaftlicher). In der Normalwiss. dominiert nach Kuhn ein best. Paradigma (= P.; z. B. Newtons Mechanik, in der Ps. z. B. der Neobehaviorismus oder die kogn. Ps.). Die scientific community akzeptiert ihr jew. P., ohne es zu hinterfragen oder kritisch zu prüfen. Empirische Forschung geschieht unter Voraussetzung des P. Stellen sich allerdings Befunde ein, die längerfristig mit dem P.  nicht in Einklang gebracht werden können (Anomalien), dann kann dies in eine Krise führen, und evtl. kommt es zu einer wiss. Revolution: Die Wissenschaftler gehen mehrheitlich zu einem neuen P. über, ein Vorgang, der nach Kuhn nicht auf rationaler Argumentation beruht, sondern auf einem Wandel in der Art, die Welt zu sehen. P. bestimmen, wie wir die Welt sehen, und daher sind sie inkommensurabel; es gibt keine obj., von P. unabhängigen Beobachtungsresultate, die dazu dienen könnten, P. vergleichend zu beurteilen. Nach Kuhn gibt es keine vom P. unabhängige Wahrheit, und man kann nicht den Nachweis führen, dass ein best. P. die Realität zutreffender darstellt als ein anderes. Paul Feyerabend gelangte ebenfalls zur Inkommensurabilitätsthese. Er zog darüber hinaus die Konsequenz, dass methodologische Regeln die Wissenschaft grundsätzlich eher behindern würden und deshalb von ihr nicht beachtet werden sollten (anything goes). Gegen die Inkommensurabilitätsthese wurde kritisch vorgebracht, dass in der Wissenschaftsgeschichte konkurrierende Theorien durchaus gegeneinander getestet werden konnten, wobei sich die eine als der anderen überlegen erwies. Kuhns Lehre war in der W. sehr einflussreich. Die Entwicklungen, die es seitdem gibt, haben eine deutliche Beziehung zu seinen Ideen, die sie entweder aufgreifen und weiterführen, oder aber zu widerlegen suchen.

Mit seiner Methodologie wiss. Forschungsprogramme versuchte Lakatos, Kuhns Einsichten so Rechnung zu tragen, dass ein Relativismus vermieden wird. Was Kuhn ein Paradigma nennt, fasst Lakatos als Forschungsprogramm auf. Anders als bei Kuhn werden die wiss. Arbeit i. R. eines solchen Programms und auch die Aufgabe eines ganzen Programms zugunsten eines anderen von Lakatos als rationale Maßnahmen rekonstruiert, durch die man versucht, der Gesamtheit der empirischen Resultate bestmöglich Rechnung zu tragen. Als Einwand gegen Lakatos wurde vorgebracht, dass er kein eindeutiges Kriterium dafür angibt, wann ein Programm endgültig aufgegeben werden sollte.

Der non statement view (= NSV, auch Strukturalismus, wissenschaftstheoretischer) schlägt eine Auffassung von Theorien vor, nach der diese nicht als Aussagensysteme, sondern als Strukturen interpretiert werden, die keinen Aussagencharakter haben (z. B. als durch mengentheoret. Prädikate definierte Modelle) und daher, wie Kuhns Paradigmen, nicht falsifizierbar sind (Sneed, Stegmüller). Während sich bei einer Theorie mit Aussagencharakter die Frage stellt, ob sie universell zutreffend ist, fragt man von einer Theorie i. S. des NSV, ob sie sich auf ausgewählte empirische Situationen erfolgreich anwenden lässt. Wenn dies nicht der Fall ist, erweist sich dadurch eine spez., auf die Situation bezogene Hypothese als falsch, nicht aber die Theorie selbst. Allerdings wird es auch im NSV als pos. bewertet, wenn Anwendungen erfolgreich sind, und eine Theorie, die in dieser Hinsicht einer anderen überlegen ist, wird ihr vorgezogen. Als Einwand wurde vorgebracht, dass diese Umdeutung von Theorien keine wirklichen Probleme löst, da auch Theorien i. S. von Aussagesystemen zugestanden werden kann, dass sie im Falle widersprechender Befunde so lange beibehalten werden, bis eine bessere alternative Theorie verfügbar ist.

Kuhns Lehre regte weiterhin dazu an, einen älteren Denkansatz wieder aufzugreifen, nach dem die Entwicklungen in den Wissenschaften nicht als Folge rationaler Schlussfolgerungen verstanden, sondern durch soziale Faktoren erklärt werden, insbes. durch Interessen an Macht und Anerkennung. 1976 konzipierte David Bloor das strong programme der Wissenschaftssoziologie, das zum Ziel hat, für wahr gehaltene und für falsch gehaltene wiss. Lehrmeinungen gleichermaßen soziologisch zu erklären. Seitdem sind viele Studien durchgeführt worden, die sich dem Phänomen Wissenschaft soziologisch und auch ethnografisch nähern. Die Auffassung, man könnte die Entwicklungen in der Wiss. allein durch soziologische Faktoren erklären, wird allerdings von den meisten Wissenschaftstheoretikern als unhaltbar angesehen.

Eine andere neue Forschungsrichtung in der W. kehrt zurück zu Problemstellungen, wie man sie im l. E. behandelte. Im Zentrum der Betrachtung steht hier nicht das gesamte P. oder Forschungsprogramm, sondern die rationale Beurteilung einzelner Hypothesen. Als Beurteilungsprinzip wird Bayes' Theorem zugrunde gelegt, das es erlaubt, für eine Hypothese h aufgrund gegebener Daten e eine Wahrscheinlichkeit p(h|e) zu berechnen. Voraussetzung dafür ist, dass man die Wahrscheinlichkeiten p(h), p(e|h) sowie p(e) bestimmen bzw. auf sinnvolle Weise schätzen kann. Howson und Urbach argumentieren, dass durch diesen Ansatz Fragen der Bestätigung, Akzeptanz und Verwerfung von Hypothesen gelöst werden können, für die man i. R. des l. E. und k. R. keine überzeugenden Lösungen fand. Kritiker bezweifeln die sinnvolle Anwendbarkeit dieses Verfahrens auf wiss. Gesetzeshypothesen, da man hier kaum Anhaltspunkte für die Ausgangswahrscheinlichkeiten p(h) hat und zudem die Resultate p(h|e) entscheidend davon abhängen, welche alternativen Hypothesen (deren es stets unendlich viele gibt) man in die Betrachtung einbezieht.

Gegen das durch Kuhn geprägte Denken, in dem alles durch das jew. P. bestimmt wird, wendet sich auch der Neue Experimentalismus (Experiment) mit der These, dass die exp. Praxis gegenüber den umfassenden Theorien über ein «Eigenleben» verfüge (Hacking). Die in Experimenten hergestellten Effekte und nachgewiesenen Gesetzmäßigkeiten überdauern oft einen Theorienwandel. Das P. ändert sich, die Arbeit in den Labors geht jedoch großenteils weiter wie bisher. Die exp. Forschung hat weiterhin die Besonderheit, dass sie z. T. Dinge untersucht, die im Labor erst hergestellt werden und in der vom Menschen unbeeinflussten Wirklichkeit nicht oder kaum vorkommen.

Die heutige Situation in der W. ist dadurch charakterisiert, dass viele Auffassungen vertreten werden, neben den neuen z. T. auch Weiterentwicklungen der älteren. Zusätzlich zur allg. W. wird zunehmend mehr spez. W. betrieben, z. B. W. der Physik, der Biologie und auch der P. Entsprechende spez. W. stehen in enger Verbindung zur Methodenlehre der jew. Disziplin (Methode).

Referenzen und vertiefende Literatur

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