Zeitwahrnehmung

 

(= Z.) [engl. time perception], [KOG, WA], Z. ist ein kogn. Prozess (Kognition), der obj. physikal. Zeit auf subj. psych. Zeit abbildet. Dieser Prozess wird hauptsächlich mit den Methoden der Psychophysik untersucht (psychophysiologische Methodik). Dabei werden Pbn Reize mit zeitlichen Eigenschaften, z. B. Ereignisreihenfolge oder Intervalldauer, präsentiert. Das gemessene Verhalten besteht entweder in Reihenfolgeurteilen oder in relativen bzw. absoluten Dauerurteilen oder aber in zeitlicher Reproduktion. Zeitliche Reproduktion bedeutet, dass der Pb. versucht, eine Handlung (z. B. Tastendruck) so auszuführen, dass diese in ihrer Dauer der vorher beobachteten Reizdauer gleicht. Die psych., also wahrgenommene bzw. erlebte Zeit steht zwar in einem engen systematischen Zusammenhang mit der physikal. Zeit, ist aber nicht völlig synchron mit ihr. Ein Großteil der Forschung zur Z. beschäftigt sich mit der Beschreibung und Erklärung systematischer Abweichungen zw. physikal. und psych. Zeit. Für Reihenfolgeurteile bspw. brauchen Reize zunächst einmal einen Mindestabstand in der physikal. Zeit, um überhaupt als ungleichzeitig wahrgenommen zu werden. Dieser Mindestabstand unterscheidet sich zwischen verschiedenen Sinnesmodalitäten (Sinne). Auditive Reize die weniger als 2 ms auseinanderliegen, werden als gleichzeitig wahrgenommen. Für visuelle Reize liegt diese Schwelle bei ca. 20 ms. Um die Reihenfolge zweier als ungleichzeitig erlebten Reize korrekt zu bestimmen sind (unabhängig von der Modalität) ca. 30 bis 50 ms physikal. Zeitabstand zw. den Reizen nötig. Über dieser Schwelle werden zeitliche Reihenfolgen im Allgemeinen korrekt wahrgenommen und erinnert. Bezüglich der Dauer von Ereignissen verhält sich die psych. Zeit monoton zur physikal. Zeit, d. h., längere Ereignisse werden auch als länger eingeschätzt. Die genaue Beziehung zw. physikal. und psych. Dauer wird als Potenzfunktion angenommen, wobei der Exponent in versch. Studien zw. 0,9 und 1 schwankt. Die Genauigkeit der Z. sinkt allerdings proportional mit der Dauer der wahrzunehmenden Zeit. Diese Verhältnismäßigkeit nennt man Webers Gesetz der Zeitschätzung. Den Koeffizienten aus Schätzvarianz und Dauer des Intervalls bezeichnet man als Weber-Konstante der Zeitschätzung. Es wird angenommen, dass Webers Gesetz der Zeitschätzung für Dauern über 2 Sek. Gültigkeit hat. Unterhalb dieses Bereiches ist der Koeffizient aus Varianz und mittlerer Dauer nicht mehr konstant. Z. wird darüber hinaus in vielfacher Weise durch versch. situative und psychol. Faktoren beeinflusst. So verändert die Art eines Ereignisses dessen wahrgenommene Dauer. Bspw. wird ein emot. (Emotionen) erregender Reiz als länger eingeschätzt als ein leeres Schätzintervall. Wahrgenommene Zeitdauer kann auch durch intentionale Bindung (intentional binding) verkürzt werden. Intentionale Bindung bezieht sich auf die Beziehung zw. eigenen Handlungen und ihnen nachfolgenden Reizen. Wird ein Reiz als kausale Folge der Handlung betrachtet (Kausalität), wird er intentional gebunden. Intentional gebundene Reize werden, i. Ggs. zu nicht kausal verursachten Folgereizen, als zeitlich näher an der Handlung wahrgenommen. Auch entwicklungspsychologische Faktoren beeinflussend die Zeitwahrnehmung. Bei Kindern bis zum Alter von etwa 14 Jahren ist die Zeitwahrnehmung wesentlich ungenauer als bei Erwachsenen. Die neuronalen Grundlagen der Zeitwahrnehmung sind nicht eindeutig geklärt. Eine zentrale Frage der aktuellen Zeitforschung ist beispielweise, ob psych. Zeit durch eine zentrale «innere Uhr» repräsentiert wird oder durch verteilte aufgabenspezifische Zeitgeber. Ein weiteres aktuell diskutiertes Problem ist, ob die Zeitwahrnehmung in versch. Dauerbereichen (z. B. msec., sec.) durch verschiedene kognitive Mechanismen realisiert ist.

Referenzen und vertiefende Literatur

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