Zielfokus, Prozessfokus und Ergebnisfokus

 

(= Z., P., E.) [engl. goal focus, process focus, outcome focus; lat. focus Feuerstätte], [EM, EW], als persönliche Ziele werden kogn. Repräsentationen von angestrebten (oder zu vermeidenden) Zuständen sowie Mitteln der Zielverfolgung, die zum Erreichen (oder zur Vermeidung) dieser Zustände dienen können, bezeichnet. Eine Partnerschaft aufrechtzuerhalten, einen Schulabschluss zu erwerben oder eine gesundheitliche Verschlechterung zu verhindern, stellen Bsp. für persönliche Ziele dar. Ziele können unterschiedlich abstrakt repräsentiert werden und anstatt von Mitteln und angestrebten Zielzuständen zu sprechen, lassen sich auch unter- und übergeordnete Ziele auf versch. Hierarchiebenen unterscheiden. So handelt es sich bei dem angestrebten Zielzustand «schlank sein» ebenso um ein Ziel wie beim konkreteren «keine Schokolade essen». «Keine Schokolade essen» stellt dabei sowohl ein untergeordnetes Subziel zum übergeordneten Ziel «schlank sein» dar als auch ein Mittel, um diesen angestrebten Zustand zu erreichen. Mittel sind somit per Def. Handlungen, die instrumentell für die Erreichung angestrebter Zustände sind. Ohne verfügbare Mittel der Zielverfolgung bleiben angestrebte Zustände reine Wünsche oder Fantasiezustände.

Während der Verfolgung eines Ziels können Personen ihre Aufmerksamkeit unterschiedlich stark entweder auf die Mittel der Zielverfolgung oder die angestrebten Zielzustände und Ergebnisse der Zielverfolgung lenken. Die Intensität, mit der eine Person bei einem Ziel über angestrebte Ergebnisse nachdenkt, also wozu sie dieses Ziel erreichen möchte, wie sie also z. B. mit geringerem Gewicht aussehen wird, wie sie sich fühlen wird oder welche Kleider sie tragen kann, wird als E. [engl. outcome focus] bezeichnet. Die Intensität, mit der eine Person bei einem Ziel darüber nachdenkt, mit welchem Prozessen, also wie sie es verfolgen kann, wie sie also z. B. kalorienarm essen oder regelmäßig Sport treiben kann, wird als P. bez. Insofern handelt es sich beim E. als das Ausmaß der Aufmerksamkeitsausrichtung auf angestrebte Ergebnisse und Konsequenzen der Zielverfolgung, während es sich beim P. um das Ausmaß der Aufmerksamkeitsausrichtung auf zu implementierende Mittel, also Handlungen und Prozesse der Zielverfolgung, handelt. Ebenfalls wurde in der Literatur unter einem P. die Motivation verstanden, eine Handlung um ihrer selbst willen auszuüben, und unter einem E. die Motivation, eine Handlung auszuführen, weil sie best. Zwecke erfüllt und angestrebte Konsequenzen nach sich zieht (Freund & Hennecke, 2011). In Studien erwiesen sich das Ausmaß des E. und des P. häufig pos. miteinander korreliert, d. h., je mehr eine Person z. B. über angestrebte Ergebnisse einer Diät nachdachte, desto mehr dachte sie auch über die Prozesse, also wie sie Diät halten kann, nach. Dieser pos. Zusammenhang ist wahrscheinlich durch die allg. Wichtigkeit eines Ziels bedingt: Wer das Ziel sehr wichtig findet, tendiert auch dazu, mehr über das Wie und Wozu nachzudenken, als jemand, dem das Ziel insges. nicht sehr viel bedeutet.

Welcher Z. erfolgreiche Zielverfolgung nach sich zieht, hängt wahrscheinlich von versch. Faktoren ab, wie z. B. davon, wie gut eine Person die Mittel der Zielverfolgung bereits gemeistert hat. Verfügt eine Person über gute Fähigkeiten in der Implementierung der Mittel, kann sie auch besser ihre Aufmerksamkeit von dieser Implementierung abziehen. In dem Fall ist es motivierend, sich erreichbare pos. Ergebnisse vor Augen zu halten, und der informative Aspekt, der von einem Fokus auf die Prozesse ausgeht, möglicherweise nicht mehr so relevant. Für neue und schwierige Ziele, die Selbstkontrolle erfordern, scheint sich jedoch ein stärkerer P. zu empfehlen. So hing in einer Studie das Ausmaß des Erfolgs einer Diät mit dem Ausmaß des P. (wie sehr die Diät haltenden Frauen angaben, darüber nachzudenken, wie sie wenig Kalorien zu sich nehmen konnten) pos. und mit dem Ausmaß des E. (wie sehr sie angaben, darüber nachzudenken, wie es sein wird, wenn sie erfolgreich ihr Gewicht reduziert haben) neg. zus. (Freund & Hennecke, 2011). In einer anderen Studie waren Personen, die für die Verfolgung des Ziels, regelmäßig Sport zu treiben, vor allem im Prozess liegende Motive angaben (z. B. Sport treiben, um Spass und soziale Kontakte zu erleben), zu einem späteren Zeitpunkt stärker in die Verfolgung des Ziels involviert, mit der Zielverfolgung zufriedener und erfolgreicher als Personen, die vor allem ergebnisbezogene Motive (Motiv) für die Zielverfolgung angaben (z. B. Gewicht reduzieren, besser aussehen; Freund et al., 2010).

Der Z. einer Person ist kein statisches Konstrukt, sondern variiert wahrscheinlich während der Zielverfolgung von Ziel zu Ziel und scheint sich interessanterweise im Laufe des Erwachsenenalters zu entwickeln. Aus theoretischer Sicht sprechen einige Gründe für einen relativ stärkeren E. im jungen Erwachsenenalter und einer Zunahme des P. im höheren und hohen Erwachsenenalter: Zum einen sind junge Erwachsene in einer Entwicklungsphase des «Werdens», d. h., sie verfolgen Entwicklungsaufgaben, die sehr ergebnisorientiert sind. Dazu zählen z. B. das Erlangen eines Schulabschlusses und/oder der Abschluss einer Berufsausbildung, eine Stelle zu finden, einen Partner zu finden, evtl. eine Familie zu gründen. Häufig steht dabei die Frage im Vordergrund, was (z. B. welcher Beruf, welcher Partner) überhaupt erstrebenswert ist, es müssen also versch. potenzielle Ergebnisse und Konsequenzen hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit und ihres subj. Wertes verglichen werden. Außerdem herrscht im jungen im Vergleich zum höheren Erwachsenenalter wahrscheinlich ein stärkerer normativer Druck, d. h., der persönliche «Lebenserfolg» junger Menschen wird häufig daran gemessen, ob sie altersnormative Ergebnisse aufweisen können. Im Rentenalter (Psychologie des Alterns) scheint dieser normative Druck hingegen nicht mehr so stark zu sein. Im Laufe des mittleren und höheren Erwachsenenalters verändern sich persönliche Ziele auch insofern, als häufig nicht mehr die Erreichung neuer angestrebter Zustände, sondern der Erhalt von z. B. der Gesundheit, der kogn. und physischen Ressourcen im Vordergrund steht. Diese Veränderung von einer Zielorientierung vom Erreichen besserer Funktionsniveaus zum Aufrechterhalten des Status quo im Erwachsenalter kann ebenfalls zu einem Wechsel von einem vorwiegenden E. zu einem P. führen.

Schließlich verfügen ältere Erwachsene am Ende ihrer Lebensspanne (Lebensspannenpsychologie) über eine kürzere Zukunftszeitperspektive als jüngere Erwachsene. Dies kann im Alter zu einem verstärkten Fokus auf das Hier und Jetzt und damit auf den Prozess führen. Die Theorie der sozioemotionalen Selektivität (Entwicklungstheorien, regulative; spätes Erwachsenenalter) sagt z. B. vorher, dass ältere im Vergleich zu jungen Personen stärker die Regulation ihres momentanen Affekts anstreben, wohingegen sie weniger darauf abzielen, Informationen zu erwerben, die ihnen erst in einer unsicheren, fernen Zukunft dienlich sind. Übertragen auf den P. und E. gilt, dass angestrebte Ergebnisse der Zielverfolgung immer erst erreicht werden, nachdem Mittel der Zielverfolgung implementiert wurden, insofern verstärkt eine verkürzte Zukunftszeitperspektive wahrscheinlich auch den Fokus auf intrinsische Tätigkeitsanreize von Prozessen und Mitteln der Zielverfolgung, d. h. darauf, wie belohnend der Weg zum Ziel, d. h. die Prozesse, erlebt werden. Ein Aufschub des Erreichens angestrebter Ergebnisse in die fernere Zukunft erscheint umso unattraktiver, je weniger weitreichend die eigene Zukunftszeitperspektive ist.

In Übereinstimmung mit diesen theoret. Überlegungen wurde empirich nachgewiesen, dass junge im Vergleich zu älteren Erwachsenen tatsächlich stärker auf Ergebnisse fokussieren, also das Wozu der Zielverfolgung stärker im Kopf haben, während Ältere zunehmend auf den Prozess, also das Wie der Zielverfolgung fokussieren. So wurden in einer Studie jungen und älteren Pbn potenzielle Ziele (z. B. mit dem Rauchen aufhören) vorgelegt, die jew. durch fünf prozessbezogene Aussagen (z. B. Zigaretten wegwerfen, Zeit mit Nichtrauchern verbringen) und fünf ergebnisbezogene Aussagen (z. B. Gesundheit verbessern, Geld sparen) beschrieben waren. Die Studienteilnehmer waren aufgefordert, aus den insges. zehn Beschreibung die fünf auszuwählen, die ihrer Meinung nach das Ziel am besten beschrieben. Wie erwartet wählten junge Erwachsene häufiger ergebnisbezogene Beschreibungen als prozessbezogene Beschreibungen, wohingegen sich im höheren Erwachsenenalter eine solche Präferenz für Ergebnisse nicht zeigte. In einer weiteren Studie hatten junge und ältere Erwachsene die Wahl zw. entweder einer prozessbezogenen Denkaufgabe, in der es um versch. Arten, wie ein Ziel verfolgt werden kann, ging («about how we do the things we do»), oder einer ergebnisbezogenen Denkaufgabe, in der es darum ging, aus welchen Gründen Personen Ziele verfolgen («about why we do the things we do»). Wieder zeigte sich bei jungen Erwachsenen eine Präferenz für die ergebnisbezogene Aufgabe, jedoch keinerlei Präferenz für eine der beiden Aufgaben bei den älteren Erwachsenen. Die prozessfokussierte Aufgabe, die darin bestand, zwei Mittel aufzulisten, durch die man das Ziel, einen guten Urlaub zu erleben, verfolgen konnte, induzierte außerdem nur bei älteren Erwachsenen eine bessere Stimmung als die ergebnisbezogene Aufgabe, die es erforderte, zwei Gründe zu nennen, aus denen man gerne einen guten Urlaub erlebt. In einer dritten Studie, bei der die Verfolgung des Ziels, regelmäßig Sport zu treiben, im Mittelpunkt stand, gaben ältere im Vergleich zu jungen Erwachsenen schließlich mehr prozessorientierte (z. B. Spass am Sport) als ergebnisorienterte Motive an (z. B. Aussehen verbessern; Freund et al., 2010). Für die Verfolgung schwieriger, Selbstkontrolle erfordernder Ziele geht ein P. auf das Wie der Zielverfolgung mit erfolgreicherer Zielerreichung eher einher als ein E. auf das Wozu der Zielverfolgung. Während junge Erwachsene vor allem auf Ergebnisse fokussieren, nimmt der P. im Laufe des Erwachsenenalters zu.

Referenzen und vertiefende Literatur

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